The Toy Hearts „Femme Fatale“ The Toy Hearts 2010

Good For Me/ Femme Fatale/ Carolina/ This Little Kitty/ Bet Good Money/ Tequila And High Heels/ The Beck Is Rising/ Devil On The Wall/ Tear Stained Letter/ This Town/ The Captain/ Creek Bluff Drive/ She Got There First

Es hatte spätestens ab Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begonnen, dass amerikanische Bluegrass Bands mehr und mehr den Swing entdeckt und verstärkt Swing Nummern in ihr Repertoire geschmuggelt hatten, sehr zum Vergnügen der Besucher des Bluegrass-Heiligtums „Station Inn“ in Nashville, und ich erinnere mich noch lebhaft an den Jubelschrei eines Besuchers, als der Fiddler Stuart Duncan zu swingen begann: „Der swingt ja wie einst Stephane Grappelli“. Ja, genau so war es und seither erwartet man von jeder guten Bluegrass Band auch ab und zu mal eine Swing Nummer. Dass im Station Inn seit Jahren schon regelmässig eine Swing Band, die Time Jumpers, auftritt, ist sicherlich ein Ergebnis dieser Entwicklung.

Doch was die Amerikaner können, das beherrschen die Europäer ganz genau so und so verstehen sich europäische Bands wie etwa „4 Wheel Drive“ oder die britischen „Toy Hearts“ bestens auf das, was man in der Country Music als „Western Swing“ kennt und im Bluegrass Stil gerne „Acoustic Swing“ genannt wird.

Die „Toy Hearts“, deren neuestes Album in diesen Tagen veröffentlicht wird, kennt man auf dem europäischen Festland spätestens seit der ersten „Bluegrass Jamboree“ Tournee des vergangenen Jahres, in deren Rahmen die „Toy Hearts“ aus England vorgestellt wurden und beim Publikum bestens angekommen waren. Der harte Kern der „Toy Hearts“ das ist Papa Stewart Johnson, Banjo und Dobro, und ab und zu auch mal ein bisschen Gesang, sowie seine beiden hübschen Töchter Hannah Johnson, Gesang und Mandoline und Sophia Johnson, Gesang und Gitarre. Dazu kommen auf den Tourneen im Regelfalle noch die Musiker Howard Gregory, Fiddle und Steve Amadeo, Bass dazu.

Dass die 2001 gegründeten „Toy Hearts“ beim europäischen wie auch beim amerikanischen Publikum so gut ankommen, liegt nicht nur an ihrer musikalischen Vielfalt, sie spielen ja neben astreiner Bluegrass Music auch Swing, Blues, Hillbilly und manchmal sogar ein bisschen Pop, sondern auch wegen ihrer einzigartigen Bühnenshow. Die beiden Damen vor allem, meist in sehr kurz geschnittenen Röckchen, spielen mit einer Dynamik und einer Intensität, die sich kaum mehr steigern lässt. Sophia beherrscht die Gitarre, ob Melodie oder Rhythmus perfekt, während Hannah sich auf ihrer Mandoline mehr auf den Rhythmus konzentriert. Ob im Solo- oder Duettgesang, immer sind ihre Stimmen makellos und ausdrucksstark, ja, sie reissen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Papa Johnson, meist ein bisschen im Hintergrund stehend, bietet eine genau so breite musikalische Palette. Mal auf Dobro, dann wieder auf dem 5-String-Banjo, das er in allen stilistischen Variationen beherrscht, ja, manchmal erinnert er sogar an die alten Salon-Banjo-Spieler des frühen 20. Jahrhunderts, an Virtuosen wie Fred Van Eps oder Ollie Oakley.

Für die Produktion dieses neuen Albums waren die drei Johnsons im Januar 2010 in die USA geflogen, um in einem Studio in Nashville zusammen mit ein paar amerikanischen Musikern, darunter die bekannte Missy Raines, 13 Songs aufzunehmen, von einer Ausnahme abgesehen, alles Eigenkompositionen der „Toy Hearts“. Drei dieser Songs hat man von der letztjährigen Tournee noch in bester Erinnerung „Femme Fatale“, „Tequila And High Heels“ und „Tear Stained Letter“. Bluegrass und Swing sind die absoluten Schwerpunkte dieses Albums, wobei eine etwas bessere stilistische Mischung der Produktion durchaus gut getan hätte, denn die Ohren des Zuhörers können sich doch sehr rasch umstellen, im Konzert geht es ja auch. Apropos Konzert, wer die „Toy Hearts“ bereits im Konzertsaal erlebt hat, der vermisst bei dieser neuen Studioproduktion ein bisschen das Feuer, die Spontaneität und die ungeheuer verdichtete Atmosphäre der physischen Präsenz dieser Ausnahmeband. Doch manche Bands laufen eben erst durch ein gutes Publikum zur Höchstform auf. Dennoch, musikalische ist diese Produktion einwandfrei und kann jedem Freund guter Bluegrass- und Swingmusik vorbehaltlos empfohlen werden.

Walter Fuchs