Zum Tod von Mike Seeger

Am 7. August 2009 verstarb im Alter von 75 Jahren Mike Seeger, der Halbbruder von Pete Seeger. In einer Großstadt, in New York City, geboren und aufgewachsen in der Gegend von Washington D.C., wurde Mike Seeger schon sehr früh mit amerikanischer Folk Music konfrontiert. Er konsumierte die Musik von den alten Schellackplatten aus den 20er und 30er Jahre, liebte diese urigen Klänge bis zur Besessenheit und beherrschte im Laufe der Zeit so jedes Saiteninstrument, ausser dem Piano. Er wurde ein Virtuose auf Fiddle, Banjo, Autoharp, Mandoline, Dobro und Gitarre, die er in einem wunderbaren Fingerpicking-Stil zu spielen verstand. Dabei ging es Mike Seeger primär nicht um das Anliegen, eine eigene Musik, einen eigenen Stil, zu kreieren, sondern die Musik des alten ländlichen Amerikas so wie er sie von den alten Schallplatten und auch später von den legendären LP-Boxen „Anthology Of American Folk Music“ von Harry Smith kennen gelernt hatte, nachzuspielen, sie mit neuem Leben zu erfüllen, sie einer neuen Generation nahe zu bringen.

1958 gründete Mike Seeger zusammen mit John Cohen und Tom Paley die „New Lost City Ramblers“, ein Trio, das sich ganz der Old Time Music verschrieben hatte. 1963 wurde Tom Paley durch Tracy Schwarz ersetzt und 1966 kamen die New Lost City Ramblers in dieser Besetzung zusammen mit den Stanley Brothers auf grosse Europatournee unter dem Titel „American Folk & Country Music“. Im Rahmen dieser Lippmann & Rau Tournee entstand dann auch in den SWF-Fernsehstudios in Baden-Baden jene längst legendäre Dokumentation amerikanischer Folklore. Die „Ramblers“ tourten zusammen bis Ende der 60er Jahre, dann betätigte sich Mike Seeger mehr und mehr als Solist bezw. ging zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Alice Gerrard als Duo auf Tournee oder mit einer neugegründeten Band, den „Strange Creek Singers“.

Im Juni 1973 verbrachten Mike und Alice ein paar Tage in meinem Haus in Bühl/Baden und dass wir dann auch zusammen ein Interview verbunden mit einer 30 Minuten langen Live-Produktion in den SWF Studios in Baden-Baden für den Pop Shop arrangierten, war eine Selbstverständlichkeit. Wenig später war Mike Seeger dann wieder in Bühl/Baden, diesmal mit den Strange Creek Singers. Ausser Mike waren mit dabei Ehefrau Alice Seeger-Gerrard, Gesang, Gitarre, Hazel Dickens, Gesang, Bass, Tracy Schwarz, Gesang, Fiddle, Gitarre, Dobro und Lamar Grier, Banjo.

Im Verlauf der Jahre hat Mike Seeger über ein Dutzend LPs eingespielt, von denen sich Stars wie Bob Dylan und Alison Krauss beeinflussen liessen. Doch Verkaufsrekorde liessen sich mit Mike Seegers Old Time Music nie erzielen, und so nannte er seine Platten immer nur bescheiden „long playing, but short selling“.

Neben seiner Arbeit als Musiker war Mike Seeger auch immer in unzähligen Organisationen und Arbeitskreisen zur Pflege der amerikanischen Folk Music tätig, so z.B. auch für das Smithsonian Institut, das Newport Folk Festival oder die John Edwards Memorial Foundation.

Mike Seeger und Ehefrau Alice Seeger-Gerrard bei ihrem ersten Besuch in Bühl/Baden im Juni 1973 aus einem vergilbten Bericht des BT vom 16.Juni 1973. Mike und Alice auf dem Balkon von Walter und Marianne Fuchs und beim Erdbeerkuchenessen.

Mike Seeger mit seinen Strange Creek Singers im Herbst 1973 bei Walter und Marianne Fuchs in Bühl/Baden.
v. l. nach r.:
Tracy Schwarz, Lamar Grier, Hazel Dickens, Mike Seeger, Boris Fuchs, Marianne Fuchs, Alice Seeger-Gerrard, Patrick Fuchs

Mike Seeger ist, so schrieb einmal Bob Dylan, ein edler Ritter, ein vollkommener Gentleman, ein Aristokrat. Und genau so habe auch ich ihn immer erlebt, höflich und liebenswürdig und genau so werde ich ihn in Erinnerung behalten.

Walter Fuchs