V.A. „Legends Of Spiritual & Gospel – Folk & Country” Vol.2

Tropical Music 68.363 DVD


The New Lost City Ramblers “Sourwood Mountain”/ “Rambling Boy”/ “Liza Jane”/ Tracy Schwarz “Sally Ann”/ Roscoe Holcomb “Born And Raised In Covington”/ “Barbara Allen”/ “Old Smoky”/ Cyprien Landreneau “La Palle d’Eronees”/ “La Valse des Opelousas”/ Cousin Emmy “Going Down The Road Feeling Bad”/ “Turkey In The Straw”/ “Give The Fiddle A Dram”/ The Stanley Brothers “How Mountain Gals Can Love”/ “Rank Stranger”/ Square Dance “Grey Eagle”/ “Chicken Reel”

Bishop Kelsey & Rev. John Little “Sermon: 23rd Psalm The Lord Is My Shepherd”/ Sister Leena Philips Jones “Lord, Send The Rain”/ Bishop Kelsey “Sermon: Second Epistle to Timothy 9”/ “I’m A Soldier”/ Inez Andrews & The Andrewettes “There Must Be A God Somewhere”/ “What Love”/ “Oh Mary, Don’t You Weep”/ Five Blind Boys Of Mississippi “Oh, Why”/ “Jesus Rose”/ “Lord You’ve Been Good To Me”/ Bishop Kelsey & Rev. John Little “Sermon”/ Johnson, Kelsey, Mincey “Tell Me How Long The Train Been Gone”

Ensemble “That Old Landmark”/ Bishop Kelsey & Ensemble “Sermon: Acts of the Apostles 2, 1-4 Shut Up In My Bones”/ The Harmonizing Four “Sometimes I Feel Like A Motherless Child”/ “We’re Crossing Over”/ “The Lord’s Prayer”/ Dorothy Norwood Singers “He’s A Shelter”/ “The Failure Is Not In God, It’s In Me”/ “Searching”/ The Gospelaires “Rest For The Weary”/ “I Feel The Spirit”/ Bishop Kelsey “Sermon: Book of Revelation 6,17”/ Ensemble “In The Great In Morning, Halleluh”

Nach den grossen Erfolgen der Folk-Blues- und den Spiritual-Gospel-Festivals hatte das Concert Büro Lippmann & Rau 1966 den Mut gefasst, dem europäischen Publikum auch eine weisse Variante nordamerikanischer Folklore zu präsentieren. Und wenn ich mich noch recht an Horst Lippmann erinnere, den ich in den 80er Jahren einmal für SWF3 interviewte, dann war er eben genau der Typ, der auf den Spuren des absolut Authentischen wandelte. Für ihn war es einfach unmöglich, dem damaligen Publikum die gängigen Hits aus den amerikanischen Country Hitparaden vorzustellen, z.B. Buck Owens „Waitin’ In Your Welfare Line“, Jim Reeves „Distant Drums“ oder Jack Greene „There Goes My Everything“. Nein, das war der „Bakersfield Sound“ und der kommerzielle „Nashville Sound“, das passte nicht zu Horst Lippmann. Er suchte zusammen mit Chris Strachwitz nach den authentischen Klängen abseits des Mainstream und wurde dort fündig, wo noch urwüchsig musiziert wurde, in den Bergwerksgemeinden von Kentucky, den Bergen von Virginia, in den Old-Time-Revival-Zirkeln von New York City und bei den Cajuns in Louisiana. Das war damals alles gut gemeint, doch Lippmann hatte die Rechnung ohne das deutsche Publikum und ohne die deutsche Presse gemacht. Das Publikum war auf den weissen puristischen Country- und Folk-Sound absolut nicht vorbereitet. Es gab damals im Radio keine aufklärenden Sendungen und die Presse reagierte entweder unbedarft oder ausgesprochen abwertend. Über Country Music schrieb man „Musik zum fröhlichen Bohnenverlesen“ oder der „Spiegel“ betitelte seinen Bericht zu dieser Folk & Country Tournee „Wenn die Kuh kalbt“. Damit konnte man natürlich keine Massen bewegen und so blieb diese Tournee, zumindest in Deutschland, erfolglos. Die Agentur Lippmann & Rau verzichtete dann auch folgerichtig auf weitere Folk & Country Festivals. Gott sei Dank hatte das SWF Fernsehen die ganze Tournee -Truppe vom 1. bis 3. März 1966 ins Studio nach Baden-Baden eingeladen, wo vor der eindrucksvollen Kulisse des Grafikers Günther Kieser eine fantastische Dokumentation amerikanischer weisser Folklore produziert wurde. Der später in den USA so berühmt gewordene Kameramann und Beleuchter Michael Ballhaus hatte auch hier schon seine eindrucksvollen Spuren hinterlassen.

Die Produktion wurde dann im deutschen Fernsehen auch gesendet, einige Zeit später auch nochmals wiederholt, aber das war es dann auch gewesen. In den 70er Jahren versuchten amerikanische Institutionen und Museen für ihre Archive eine Kopie dieser Dokumentation zu erhalten, es scheiterte immer an den Kosten

Doch jetzt endlich, nach fast 43 Jahren, wird dieses 45 Minuten lange Dokument am 30. Januar 2009 in Deutschland auf einer DVD veröffentlicht.

Mit dabei die legendären New Lost City Ramblers (John Cohen, Mike Seeger und Tracy Schwarz), drei Großstädter aus New York City, die dem Zauber der Old Time Music verfallen waren und die alten Songs wieder zum Leben erweckten. Roscoe Holcomb, ein damals 52 jähriger Bergmann aus Kentucky (heutige Quellen besagen, er war bereits 55) war mit dabei, der trotz Asthma und Staublunge seine stark bluesgefärbten Songs im „High Lonesome Sound“ seiner Heimat vortrug und dazu Banjo und Mundharmonika spielte.

Ebenfalls aus Kentucky stammte die energiegeladene und temperamentvolle Sängerin, Fiddlerin und Banjospielerin Cousin Emmy. Sie kam aus der alten Medicine-Show-Schule und soll einst Grandpa Jones das Banjospielen beigebracht haben. Cousin Emmy war 1966 bereits 63 Jahre alt und wurde bei dieser denkwürdigen Tournee von Musikern der Clinch Mountain Boys begleitet.

Cyprien Landreneau’s Cajun Band hatte man aus dem Mississippi Delta von Louisiana geholt, um die französisch-sprachige Variante amerikanischer Folklore zu dokumentieren. Es ist die Cajun Music, die Musik der noch heute französisch sprechenden Acadier, die im 18. Jahrhundert aus Kanada vertrieben wurden und in Louisiana eine neue Heimat gefunden hatten. Diese Gruppe bot zwei typische Beispiele ihrer Musikkultur, gespielt mit Fiddle, Akkordeon und Triangel, einen Two-Step und einen langsamen Walzer, gesungen wurde in einem alten französischen Dialekt.

Höhepunkt der Tournee und auch der TV-Produktion war, vor allem für die Freunde der Bluegrass Music, der Auftritt der Stanley Brothers mit ihren Clinch Mountain Boys. Zwei ihrer schönsten Songs präsentierten sie im Fernsehen: „How Mountain Gals Can Love“ und „Rank Stranger“, und kaum jemand konnte damals ahnen, dass dies wahrscheinlich die letzte Dokumentation der Stanley Brothers war, denn Carter Stanley starb etwa 9 Monate später, im Dezember 1966.

Abgerundet wurde die Fernsehproduktion mit Einlagen einer Squaredance-Formation mit Caller, den Baden-Baden Breakdowners, die man von der kanadischen Airbase Baden-Söllingen geholt hatte. Tracy Schwarz führte recht launig in seinem etwas holprigen Deutsch durch das Programm und kämpfte bei der Ansage der Square Dancers heftig mit deren Namen. Heissen sie nun Baden-Baden Backsteppers, Backbreakers oder tatsächlich Breakdowners? Tracy nahm es leicht und bedankte sich am Ende artig und etwas „zahnlos“ bei den „Friends and Neighbors“.

Danken wir dem Concert Büro Lippmann & Rau, dem SWR (1966 noch SWF) und der Initiative von Claus Schreiner von Tropical Music für dieses herrliche Dokument nordamerikanischer Folklore, das fast 43 Jahre in den Funkhausarchiven geschlummert hatte. Bild- und Ton-Qualität dieser Schwarz-Weiss-Produktion sind hervorragend.

Für die vielen Freunde der Spirituals und Gospels gibt es zwei zusätzliche SWF- TV-Produktionen auf dieser DVD, die im Rahmen von Festivals in den Jahren 1965 und 1966 jeweils in der Klosterkirche von Alpirsbach/Schwarzwald und der Epiphanias Kirche in Mannheim-Feudenheim aufgenommen wurden.

Mit dabei war jeweils Bishop Kelsey zusammen mit verschiedenen Gospel-Gruppen. Kelsey las aus der Bibel, predigte und feuerte die Sängerinnen und Sänger an. Dass die Klosterkirche in Alpirsbach total leer war und nur die amerikanischen Akteure vor dem Altar sich bewegten berührte schon damals, 1965, als die Produktion im Fernsehen lief, merkwürdig, heute, nach 44 Jahren ist es einfach unfassbar. In Mannheim-Feudenheim dagegen, war das Gotteshaus gut besetzt, die Atmosphäre dadurch lockerer und für die Gospel-Künstler sicherlich angenehmer und heimeliger.

Die Spiritual & Gospel Festivals des Concert Büro Lippmann & Rau kamen damals genauso wie die Folk-Blues-Festivals beim Publikum sehr gut an. Schliesslich war Joachim E. Berendt für die Redaktion zuständig und der hatte ja bekanntlich schon seit dem 31. März 1946 über den damals neugegründeten Südwestfunk in Baden-Baden die Jazzlandschaft Deutschlands beackert und das Publikum entsprechend aufgeklärt und vorbereitet.

Wenn man allerdings heute, nach längerem zeitlichem Abstand diese expressive, ekstatische Vortragsweise der amerikanischen schwarzen Gospelgruppen wieder einmal geniesst, dann kann man einmal mehr nur den Kopf schütteln, über die geradezu statische Vortragsweise der in Deutschland immer häufiger auftretenden Gospel-Chöre. Ein bisschen mehr Lebendigkeit würde man sich da schon wünschen. Aber dies ist letztendlich auch eine Frage der Gene, des Kulturkreises und der Erziehung.

Kurz zusammengefasst: Diese DVD, dieses Stück amerikanischer Musikgeschichte, dokumentiert in Bild und Ton durch den SWF in den 60er Jahren, gehört in jede solide Country- oder Jazz-Sammlung.

Walter Fuchs