„Bluegrass Jamboree“,
der überwältigende Einstand eines
Bluegrass Festivals in Offenburg

Es war am Samstagabend, 12. Dezember 2009, ein Treffen der Nationen in der zu einer Konzerthalle umgebauten Reithalle der ehemaligen Ihlenfeld-Kaserne. Vor der Bühne weit über die Hälfte Elsässer, der Rest Deutsche, ein leerer Platz war in der über 400 Besucher fassenden Halle kaum zu entdecken. Auf der Bühne Engländer und Amerikaner. Da ging jenem Besucher das Herz auf, der 1949 in eben diesem Offenburg in einer vom Krieg noch schwer beschädigten Wohnung die ersten Bluegrass Klänge aus einem alten Volksempfänger vernahm und wie vom Blitz davon getroffen war. Der Sender hiess AFN, die Sendung „Hillbilly Gasthaus“. Dass ihn seine Mitschüler deshalb für verrückt hielten, störte ihn nicht. Und nun, nach 60 Jahren, dieses Ereignis, diese Begeisterung für eine Musik, für die sich damals nach dem 2. Weltkrieg hierzulande kaum jemand erwärmen konnte. Es war eben die Zeit der Big Bands mit viel Blech und nicht die Ära der Saitenbands seit Elvis und den Beatles..

Der Leiter des Offenburger Kulturbüros Edgar Common begrüsste die Gäste auf deutsch und französisch, insbesondere hieß er den anwesenden Bürgermeister von Illkirch bei Straßburg willkommen und betonte dabei auch die besonders gute kulturelle Zusammenarbeit beider Städte. Daneben lobte er obendrein die außerordentlich gute Kooperation mit dem Internationalen Bühler Bluegrass Festival.

Dann war es soweit. Das amerikanische Duo Beverly Smith und Carl Jones präsentierte Old Time Music, also Balladen und Tanzstücke, aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, eine relativ leise, aber packende Musik, aus der sich später in den 40er Jahren dann die Bluegrass Music entwickelt hatte. Gespielt wurde abwechselnd auf Gitarre, Banjo, Mandoline und Fiddle, der Gesang war ruhig aber umso packender angelegt, Hausmusik oder „Stubenmusik“ im wahrsten Sinne des Wortes. Neben Songs, die teilweise von Beverly und Carl selbst geschrieben wurden, gab es aber auch Erinnerungen an das Repertoire der Carter Family oder der Delmore Brothers und wenn man die Augen schloss, dann hatte man den Eindruck, man höre bei „Happy On The Mississippi Shore“ den wunderbaren hellen Klang von Rabon Delmores Tenor-Gitarre.

Danach, was für ein Kontrast! Die „Toy Hearts“ aus England. Die Toy Hearts, das sind Papa Stewart Johnson, ein Urgestein auf dem Five-String-Banjo (im 3-Finger-Picking-Stil) und der Squareneck-Dobro-Gitarre, seine beiden adretten Töchter Sophie, Gesang und Gitarre und Hannah, Gesang und Mandoline, sowie Bradley Blackwell am Bass. Doch was für ein gegensätzliches Bild bot diese Formation schon rein optisch. Der schmächtige, kleine Papa Johnson mit seinem schütteren Haar wirkte in seinem grauen Anzug wie ein Bürogehilfe kurz vor der Pensionierung, da fehlten eigentlich nur noch die Ärmelschoner. Dagegen seine beiden hübschen Töchter Sophia und Hannah, aufgemotzt mit High Heels und Mini-Röckchen, kürzer ging es beim besten Willen nicht mehr. Doch dann die Musik dieser britischen Band: temperamentvoll, swingend und emotionsgeladen. Hannahs Lead-Gesang ausdrucksstark und modulationsfähig, ihre Mandoline als reines Rhythmusinstrument eingesetzt ungeheuer präzise. Sophia bot den Contrapunkt dazu. Ihre herrliche Stimme meist im Harmoniegesang eingesetzt, doch instrumental auf der Gitarre eine Klasse für sich, ob mit swingender Begleitung oder in der Improvisation über das Thema, immer klang Sophia präzise und sauber, auch bei halsbrecherischen Geschwindigkeiten. Zugegeben, was da geboten wurde, war alles andere als astreine, stilechte Bluegrass Music, doch selbst ein Bill Monroe hätte da mit Sicherheit seine Freude daran gehabt und gesagt „well done“. Faszinierend der ständige Wechsel zwischen modernem Bluegrass, Acoustic Country, Blues und akustischem Swing im Stil von Django Reinhardt, Sophia nannte das sogar „Gypsie Bluegrass“, was für eine Stilkomposition. Eine der Glanznummern dieses Quartetts hieß sinnigerweise „Tequila and High Heels“, eine Art Hommage an die beiden Frontdamen.

Danach wurde es wieder ganz amerikanisch mit den „Steep Canyon Rangers“ aus North Carolina, die mit ihrer modern arrangierten, explosiven New-Bluegrass Music das Publikum kaum auf den Stühlen sitzen liess. Das Quintett spielt seit etwa 10 Jahren zusammen und klingt nicht zuletzt deshalb wie aus einem Guss. Woody Platt (Gesang, Gitarre), Graham Sharp (Gesang, Banjo), Nicky Sanders (Gesang, Fiddle), Mike Guggino (Gesang, Mandoline) und auch Charles Humphrey III (Gesang, Bass) sind exzellente Virtuosen mit fantastischem Improvisationstalent. Besonders fiel dabei Fiddler Nicky Sanders auf, der sich in ständigen tänzerischen Variationen um das Mikro herum bewegte.

Glanzvoller Höhepunkt des Bluegrass Jamboree in Offenburg war die gemeinsame Jam Session aller Bands. Und da auch noch Impresario Rainer Zellner sich mit seiner Mandoline dazugesellte, bewegten sich insgesamt 12 Musiker auf der Bühne und jeder erhielt seine Chance zu einem Solo. Es war ein prächtiges Bluegrass Fest, eine rauschende Ballnacht im Hillbilly Stil und das schönste Geschenk an die Zuhörer war wohl, als Rainer Zellner, der auch locker durch den Abend geführt hatte, zum Abschluss verkündete, dass dieses Bluegrass Jamboree mit ziemlich Sicherheit im kommenden Jahr fortgesetzt wird.

Der sichtliche Erfolg dieser Tournee durch Deutschland und die Schweiz und die sehr positiven Reaktionen der grossen Zeitungen wie „Süddeutsche“ oder „Die Welt“ beweisen unmissverständlich, daß „Bluegrass“ in Europa auf dem Vormarsch ist.

Walter Fuchs