Johnny Cash – Das jüngste Werk in deutscher Sprache

„Schon wieder ein Buch über Johnny Cash“ wird der eine oder andere sagen. Ja, schon wieder und das ist gut so, denn die vielen Millionen Fans des „Man in Black“ wissen noch längst nicht alles und auch wer vielleicht für sich nur wenig Neues in diesem aktuellen Werk entdeckt, der wird es dennoch lesen wie einen Krimi.

Dr. phil. Martin Schäfer, der Autor dieses neuesten Werkes mit dem schlichten Titel „Johnny Cash“, ist Redakteur beim Schweizer Radio DRS und bearbeitet dort die Themenschwerpunkte „Populäre Musik und Kultur“. Ausserdem lehrt er seit 2002 am Institut für Medienwissenschaft an der Universität Basel zur Kultur- und Mediengeschichte der populären Musik.

Was Martin Schäfers Buch zum vielstrapazierten Thema „Johnny Cash“ von allen anderen bisherigen Werken unterscheidet, ist die Perspektive, die Sichtweise, unter der er das Phänomen Cash angeht. Da fallen dem Leser sofort die drei Hauptkapitel „Leben“, „Werk“ und „Wirkung“ ins Auge. In „Leben“ versucht Schäfer nicht nur den Menschen, den Künstler und den Mythos Johnny Cash zu erklären, sondern analysiert auch seine Umgebung, die Familie, die Musikerkollegen, die Labelbosse, die Country-Tycoons in Nashville und letztendlich die Fans. Mit viel psychologischem Sachverstand und Einfühlungsvermögen werden Cashs Entscheidungen und Reaktionen versucht zu erklären, auch wenn damit häufig an der Ikone gekratzt wird. Warum zum Beispiel hat Cash mehrmals erklärt, seine Vorfahren seien zu einem Viertel Cherokee gewesen, nur um später zu behaupten, seine Vorfahren seien zu 100% Schotten? Warum sieht Cash aber oft so verblüffend indianisch aus? Warum gab sich Cash in vielen Situationen sehr patriotisch, nur um spätestens Anfang der 70er Jahre zu erklären, der Vietnam-Krieg sei ein Unrecht und die USA sollten ihre Soldaten nach Hause holen? War Cash ein geschickt agierender Opportunist oder einfach ein nachdenklicher Zeitgenosse, der sich erlaubte, auch einmal seine Meinung zu ändern? Johnny Cash immer wieder im Spannungsfeld der Politik, mal ist er zu rechts, mal zu links, setzt er sich für die Indianer ein, verscherzt er sich die Sympathie der Plattenfirma, dafür gewinnt er wieder bei den linksgerichteten Anhängern der urbanen Folksongbewegung. Schäfer geht wissenschaftlich vor, hält sich an Tatsachen und versucht daraus Schlüsse zu ziehen. Für viele europäische Cash-Fans mag es erstaunlich sein zu erfahren, wie relativ früh Johnny Cash in der amerikanischen Country Musik Szene wegen seiner langen „unsittlichen“ Liaison mit June Carter (bevor er sie heiratete) in Verruf gekommen war oder dass es im „Folsom Prison Blues“ Leihgaben aus Gordon Jenkins „Crescent City Blues“ gibt, für die dieser später in einem aussergerichtlichen Verfahren entschädigt wurde.

Vom Repertoire eines Hank Williams weiss man, dass sich das Leben des „Hillbilly Shakespeare“ in dessen Songs reflektiert, wenn man sie nur einigermassen chronologisch abspielt. Im Kapitel „Werk“ stellt Schäfer schon gleich zu Beginn fest, dass es trotz allen anderen künstlerischen Versuchen die Songs sind, die Cashs eigentliches Werk ausmachen. Und hier registriert der Autor immer wieder eine gewisse Koinzidenz zwischen bestimmten Songs und den zahlreichen Themen-Alben zu Cashs Lebenssituationen und Stimmungen. Ob dies alles immer zu 100% zutrifft ist relativ unwichtig, viel interessanter ist das Ergebnis, dass nämlich für Johnny Cash dasselbe zutrifft wie für seine beiden grossen Vorgänger Hank Williams und Jimmie Rodgers, deren Leben unmittelbar in ihren Songs reflektiert wurde. Dabei kam es bei Cash wie auch bei Williams oder Rodgers nicht darauf an, ob die Songs selbst geschrieben wurden oder ob man sich aus der jeweiligen Stimmung heraus einfach anderer Komponisten bediente.

Gekonnt hangelt sich Schäfer von Hit zu Hit und von Album zu Album, analysiert ihre Inhalte und zieht seine Rückschlüsse auf Cashs Gemütslage.

Wichtige Stationen in der Werk-Beschreibung sind natürlich die Sun-Jahre, die frühen und späten Jahre bei Columbia mit allen Höhen und Tiefen, die diversen Produzenten, die Live-Alben, die Gefängnis-Auftritte, die Konzeptalben, das Engagement für die Indianer, dann das falsche Comeback bei Mercury Records und schliesslich das eindrückliche Spätwerk bei American Recordings, das vielleicht den wahren Johnny Cash offenbart.

Das letzte und kürzeste Kapitel „Wirkung“ beginnt mit der Feststellung: „ Über 50 Jahre lang, von 1955 bis zu seinem Tod - und darüber hinaus! -, war Johnny Cash in den Hitparaden präsent.“ Dann geht es um den anfänglichen Rockabilly-Pionier, Cashs unvergleichliches Charisma, die mediale Wahrnehmung, seinen Einfluss auf Bob Dylan, sein universaler Appeal als Botschafter der Country Music schlechthin, die Wirkung der Johnny-Cash-Show zwischen Juni 1969 und März 1971 mit Gästen wie Ray Charles, Louis Armstrong oder Pete Seeger. Dann folgt 1972 der Kampf um den wahren Johnny Cash, die Verleumdungen, die Zerrbilder, bis hin zum Image Transfer, der den „Man in Black“ mit Hilfe des Produzenten Rick Rubin zur Ikone der „Generation X“ werden lässt.

Das Buch endet mit einer Zeittafel, welche die wichtigsten Stationen von Johnny Cash chronologisch listet, gefolgt von einer umfassenden Bibliographie und einem Personenregister.

Es ist ein sehr empfehlenswertes Werk, spannend geschrieben, das genauso für den Cash-Einsteiger geeignet ist wie für den alten Hasen. Ein 160 Seiten starkes Taschenbuch mit zahlreichen interessanten Fotos zum Preis von 7,90 €. Erschienen bei Suhrkamp: Martin Schäfer „Johnny Cash“ sb 31 ISBN 978-3-518-18231-4

Walter Fuchs