The Infamous Stringdusters

v. Walter Fuchs

Auszugsweiser Vorabdruck aus dem „Folker!“
03.08 Mai - Juni mit freundlicher Genehmigung.



Die amerikanische Bluegrass-Szene ist in den vergangenen Jahren mächtig in Bewegung geraten. Auf der Basis der Tradition dieser „unplugged“ Hybride aus anglo-keltischer Volksmusik und schwarzem Blues zaubern junge Virtuosen der sogenannten 5. Generation immer wieder neue, moderne Varianten hervor. Sie geben der Musik von Bill Monroe, dem „Vater der Bluegrass Music“, ordentlich die Sporen indem sie aktuelle Akzente setzen ohne den künstlerischen Anspruch in Frage zu stellen oder gar aufzugeben. Da wird z.B. der Blues stärker betont oder Elemente aus der Rockmusik verarbeitet. Schliesslich kommt diese neue Generation der aktiven Bluegrassmusiker nicht mehr wie früher fast ausschliesslich aus den Bergen und Tälern von Virginia, Kentucky oder Tennessee sondern stammen auch aus New York, Wisconsin oder Maine. Sie sind zwischen 18 und 31 Jahre alt und wuchsen mit der Musik von Frank Zappa, Led Zeppelin, Grateful Dead, Steely Dan oder Bono von U2 auf bevor sie Geschmack fanden an der akustischen Bluegrass Music. Dass die Musik dieser jungen Virtuosen dann folgerichtig ganz anders klingt als jene der Gründungsväter aus den frühen 40er Jahren des 20. Jahrhunderts ist logisch und nachvollziehbar.

Ein Paradebeispiel für den raketenartigen Aufstieg einer solchen Gruppe der 5. Generation sind die „Infamous Stringdusters“, die sich beim 6. Internationalen Bühler Bluegrass Festival in Bühl/Baden am 03. Mai 2008 zum ersten Male in Europa vorstellen. Geradezu magnetartig schienen sich die sechs Akteure der ersten Stunde (Chris Eldridge, Gitarre; Andy Hall, Dobro; Jeremy Garrett, Fiddle: Jesse Cobb, Mandoline; Chris Pandolfi, Banjo und Alan Bartram, Bass) gegenseitig angezogen zu haben, um endlich 2004 die „Infamous Stringdusters“ in Nashville/Tennessee zu gründen. Nach der Veröffentlichung ihres Debut-Albums 2007 wurden sie zur Sensation der Szene und erhielten von der International Bluegrass Music Association (IBMA) gleich 3 Awards: Bestes Album, Bester Song und Beste Newcomer. Der ausdrucksstarke Gesang, die perfekte Beherrschung der Instrumente mit dem entsprechenden jazzmässigen Improvisationstalent und das unglaubliche Feeling für die tiefschürfenden Songtexte faszinieren jeden Konzertbesucher.

Die aktuelle Besetzung der „Infamous Stringdusters“: Andy Hall, Dobro; Jeremy Garrett, Fiddle; Jesse Cobb, Mandoline; Andy Falco, Gitarre; Chris Pandolfi, Banjo und Travis Book, Bass.

Wir hatten Gelegenheit, mit Travis Book, dem Bassisten der Band, zu sprechen:

Q: Travis, wie und wo kamen die Mitglieder der „Infamous Stringdusters“

zusammen, um eine Band zu gründen?

A: Nun, das dauerte schon eine geraume Zeit. Chris Pandolfi, Andy Hall und

Chris Eldridge trafen sich mit Hilfe eines gemeinsamen Freundes, eines

Bassisten, im Berklee College of Music in Boston. Die vier Musiker jammten

zusammen, hatten eine Menge Spass und beschlossen, irgendwann mal eine

Band zu gründen. Doch Hall hatte gerade sein Studium in Boston beendet

und wollte nach Nashville übersiedeln, Pandolfi hatte eben mit dem Studium

in Boston begonnen und Eldridge hatte sich im Oberlin College Conservatory

in Oberlin/Ohio eingetragen. Hall zog also nach Nashville und traf dort in

Ronnie Bowmans Band Jeremy Garrett und Jesse Cobb. Als Eldridge und

Pandolfi ihr Studium abgeschlossen hatten, zogen auch sie nach Nashville,

um die einst geplante Band zu gründen. Hall wollte Garrett und Cobb mit

dabei haben, als Bassisten fand man Alan Bartram, der jedoch 2006 während

den Aufnahmen zum Debut-Album „Fork In The Road“ (deshalb ist Bartram

nur in 6 Stücken des Albums zu hören) zur Del McCoury überwechselte. Da

erinnerte man sich an Travis Book, also an mich, denn wir hatten uns 2004

bei der IBMA Convention in Louisville/Kentucky getroffen. Die Jungs

nahmen Kontakt zu mir auf und boten mir einen Platz in der Band an. Im

Herbst 2006 zog ich nach Nashville und damit war die Band wieder

komplett.


Q: Wie kam es zu dem Namen „The Infamous Stringdusters?

A: „Stringdusters“ war die Idee von Chris Eldridge’s Vater Ben Eldridge (Ben

Eldridge ist Gründungsmitglied der Gruppe „Seldom Scene). Der Name

gefiel uns, doch wir entdeckten, dass es schon andere „Stringdusters“ gab.

Deshalb fügten wir „Infamous“ hinzu, um uns zu unterscheiden. Wir finden,

es ist ein recht guter Name.

Q: Soweit ich informiert bin, seid ihr alle von unterschiedlichen musikalischen

Stilen geprägt. Warum habt ihr euch dann für Bluegrass entschieden?

A: Ich denke, wir wurden alle durch die menschliche Gemeinschaft geprägt in

der wir aufgewachsen sind, durch die Szene, durch die gemeinsame Musik,

die Historie und den Klang. Doch dann hat uns irgendwann die Bluegrass

Music fasziniert. Natürlich lieben wir auch noch eine ganze Menge anderer

Musik, doch Musik auf der Basis von Bluegrass, die verbindet uns alle.

Q: Warum hat Chris Eldridge die Band so rasch verlassen?


A: Er hatte bereits im Sommer 2006 beschlossen, die Band zu verlassen. Ich

weiss, dieser Entschluss war für ihn nicht einfach und wir waren zunächst

auch sehr enttäuscht. Dennoch war sein Ausscheiden für die Gruppe auch

sehr positiv, denn Andy Falco, Eldridge’s Nachfolger, war ein grosser

Segen für uns. Er ist ein brillanter Musiker, passt exakt zu unserem Sound

und ist eine wichtige Stütze unserer Musik. Er bringt eine Menge Erfahrung

mit, verfügt über eine unglaubliche Arbeitsmoral und gehört zu meinen

persönlichen Favoriten. Es scheint sogar so, als wäre er schon immer in der

Band gewesen. Eldridge’s Zeit mit der Band war grossartig, aber wir

schauen nicht zurück.


Q: Im Jahre 2007 platzten die „Infamous Stringdusters“ mit einem Knall in die

Szene. Mit eurer Debut-CD wurdet ihr zur Sensation des Jahres. Sechs junge

Musiker spielen eine Art Bluegrass Music, die man vorher nie gehört hatte.

Was macht den Unterschied eurer Musik aus verglichen mit den alten Bands

von Bill Monroe oder Lester Flatt & Earl Scruggs?

A: Als Bill Monroe die Szene damals aufmischte, erregte er eine Menge

Aufmerksamkeit und Begeisterung. Er hat etwas getan, was keiner vor ihm

getan hatte. Er nahm alle die Einflüsse, die ihn geprägt hatten, wie Fiddle

Music, Blues, Gospel, Country und Old Time, und mischte das Ganze zu

etwas ganz Neuem. Wir machen etwas ähnliches, obgleich wir nicht die

Pioniere sind wie er einer war. Wir greifen zu jenen Einflüssen, denen wir

ausgesetzt waren, zu jener Musik die wir spielten und liebten, wie etwa

Rock and Roll, Jazz, Country, Jamband Music und natürlich auch Bluegrass.

Aus all diesen Beeinflussungen mischen wir für uns etwas ursprüngliches

und einzigartiges. Der grosse Unterschied zwischen Monroe und uns ist

die Tatsache, dass er ein echtes Original war und wir nicht die ersten sind,

die aus den erwähnten Einflüssen etwas Neues kreieren. Doch wir sind die

ersten, die es auf unsere eigene, ganz besondere Weise tun. Wir wissen,

dass wir nicht die ersten sind die Bluegrass mit Jazz oder Rock oder Jamband

Music kombinieren. Was uns jedoch unterscheidet ist, dass unsere Musik für

uns einmalig ist. Kein anderer tut das, was wir tun, auf die Art und Weise wie

wir.

Q: Beim IBMA Festival im Oktober 2007 in Nashville erhielten die „Infamous

Stringdusters“ insgesamt 3 Awards. Es war sensationell. Habt ihr das

erwartet?

A: Nein, keine Sekunde lang. Der „Emerging Artist“ Award schien möglich,

denn die Anzahl der in Frage kommenden neuen Gruppen war überschaubar.

Aber Song und Album des Jahres, diese beiden Auszeichnungen kamen

völlig unerwartet. Der erste Award des Abends war „Song Of The Year“,

man verkündete es und wir standen da, grinsten wie eine Gruppe Idioten.

Es war wirklich erstaunlich, wir waren geschockt.

Q: Nach eurem Debut-Album „Fork in the Road“ im Jahre 2007, arbeitet ihr

ja jetzt an einem zweiten Album. Was können die Fans erwarten?

A: Als wir „Fork in the Road“ aufgenommen haben, hatten wir überhaupt

noch nicht getourt, wir waren ganz einfach nur eine Band. Ich selbst war

bei knapp der Hälfte aller Titel mit dabei. Nun hatten wir inzwischen eine

ganze Menge Zeit füreinander. Man ist auf den Tourneen fast immer

zusammen, macht Musik und lernt voneinander. Das nächste Album, es

wird einfach „The Infamous Stringdusters“ heissen, ist das Resultat dieser

Erfahrungen miteinander. Es ist irgendwie geschlossener, kompakter

und zeigt auch gleichzeitig die verschiedenen Seiten der Band auf. Jedenfalls

baut es auf „Fork in the Road“ auf. Es zeigt den nächsten Schritt in der

Entwicklung unserer Band. Wir sind wirklich stolz darauf, wir denken,

wir präsentieren wieder grossartige Musik und wir können es kaum

erwarten, auf die Bühnen zu kommen und den Leuten ein paar Songs

daraus vorzustellen.

Q: Im Mai 2008 kommt ihr auf eine grosse Tournee nach Europa, vor allem

nach Deutschland. Ist dies eure erste Tournee ausserhalb der USA?

A: Nun, wir waren schon in Kanada, doch das ist für uns nicht so, als wäre

man in einem anderen Land. Wir sind wirklich aufgeregt. Die meisten von

uns waren noch nie in Europa und wir können es kaum erwarten.

Q: Was erwartet ihr von der Europa-Tournee. Wie wichtig ist sie für das

Prestige und den zukünftigen Erfolg der Band?

A: Abgesehen davon, dass wir Europa geniessen wollen und Musik

machen können, haben wir keine weiteren Erwartungen. Wir haben die

einmalige Situation, dass wir alle gute Freunde sind. Zusammen zu

musizieren ist ein Segen an sich, doch an dieser Aktivität auch noch andere

Menschen teilhaben zu lassen, ist unbezahlbar. Wenn wir freundlich

aufgenommen werden und die Reise auch noch finanziell erfolgreich ist,

dann werden wir bestimmt wieder kommen. Falls nicht, dann hatten wir

zumindest ein unglaubliches, einmaliges Erlebnis, von dem die meisten

Menschen nur träumen können. Ich glaube nicht, dass diese Tournee zu sehr

an Prestige und Erfolg geknüpft sein sollte, sondern mehr eine Frage der

Erfahrung wird. Wenn wir unsere Musik vielen Menschen näher bringen,

wenn wir dadurch in die Lage kommen, dass uns diese Menschen wieder

sehen und hören wollen, das wäre absolut grossartig und dies ist auch unsere

Hoffnung. Aber im Augenblick spreche ich jetzt für den Rest der Band: Wir

schauen voller Erwartung auf diese erste Tournee in Europa. Ich bin sehr,

sehr dankbar für die Möglichkeit unsere Musik mit neuen Leuten zu teilen,

besonders mit solchen in einem anderen Land. Ich kann mir überhaupt nicht

vorstellen, was ich möglicherweise von den Menschen die ich treffe alles

lernen kann. Es könnte sogar mein Leben verändern. Doch ich habe im

Moment keine Erwartungen in Bezug auf den Erfolg der Band.

Q: Vor wenigen Jahren verlagerte die IBMA ihre Aktivitäten von Kentucky

nach Nashville/Tennessee. Was halten Sie von diesem Entschluss?

A: Als man nach Nashville zog, wurde aus dem Ganzen in erster Linie eine

Geschäftskonferenz. Das war gleichzeitig gut und schlecht. Ich vermisse die

alte Party-Atmosphäre, aber ich geniesse die Möglichkeit, dort viel Arbeit

zu finden. Ich denke, in ein paar Jahren wird die Party-Atmosphäre

zurückkommen, ich hoffe es zumindest.

Q: Wie wichtig ist Nashville heutzutage für Bluegrass Musiker?

A: Man kann Bluegrass überall spielen, wirklich „ÜBERALL“! Aber Nashville

ist einfach voller grossartiger Musiker, grossartiger Bands, Stars, die

Begleitmusiker suchen, auch für Sessions und Jams. Das sind alles Faktoren,

die man sich wünscht, wenn man Profimusiker sein will. Auch geografisch,

im Verhältnis zum Rest der USA, ist Nashville nicht zu schlagen. Du kannst

in einem guten Tag nach New York City oder Denver/Colorado fahren. Das

gibt dir die Möglichkeit relativ nahe von deinem Wohnort möglichst viele

Fans zu treffen. Wenn du Musik machen, im Leben weiterkommen und

von Bluegrass Music leben willst, dann ist Nashville für dich der richtige

Ort.

Q: Travis, besten Dank für das Gespräch.

(Das Interview mit Travis Book führte Walter Fuchs)