Crooked Still „Still Crooked“ Signature Sounds SIG 2013

Undone in Sorrow/The Absentee/ Captain, Captain/ Tell Her to Come Back Home/ Low Down and Dirty/ Oh, Agamemnon/ Pharaoh/ Florence/ Did You Sleep Well?/ Poor Ellen Smith/ Theme from “The Absantee”/ Wading Deep Waters/ Baby, What’s Wrong With You

Es ist schon reichlich seltsam. Da hatte es Bill Monroe aus Kentucky in seiner Sturm- und Drang-Periode in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts geschafft, für die streckenweise recht eintönige, fiddlelastige amerikanischen Old-Time-Music eine demokratische Ordnung zu entwickeln, die jedes Bandmitglied zum Solisten zwang, das jazzmässig zu improvisieren in der Lage war. Für die damalige Zeit ein ungeheuerer Fortschritt. Und als dann auch noch einige Jahre später neben der „high pitched voice“, dem „high lonesome sound“, die normale Gesangsstimmlage auftauchte und zu Bill Monroe’s Entsetzen die Dobro-Gitarre zum Alltag in den Bluegrassbands wurde, da war neben dem klassischen Bluegrass-Sound der Terminus „New Grass“ geboren. Dann experimentierten auch noch Bill Keith, Sam Bush und Tony Trischka mit neuen Klangbildern und fanden teilweise zurück zum Plektrum-Stil der alten Ragtime-Banjo-Virtuosen. Doch dies spielte sich alles im Rahmen des grossen Gesamtkonzepts „Bluegrass“ ab.

Da entdeckte vor ein paar Jahren eine neue, junge Musikergeneration die „Old-Time-Music“ gespielt von den String-Bands der 20er und 30er Jahre. Diese intelligenten, gebildeten Musiker unserer Zeit, die einerseits die flache, seelenlose Konfektionsware „Country“ aus Nashville ablehnten, andererseits im Bluegrass Stil mit seinen relativ engen stilistischen Grenzen für sich keine Entwicklungs- und Ausdrucksmöglichkeiten sahen, wollten etwas anderes. Auf der Basis der Old-Time-Music experimentierten sie unter den Einflüssen aus der Rock- und Bluegrass-Musik. Punk und Hip-Hop lieferten weitere Impulse. Fast zwangsläufig wurde dadurch auch das Instrumentarium erweitert. Zu den klassischen Bluegrassinstrumenten wie Fiddle, 5-String-Banjo, Gitarre, Mandoline und Kontrabass kamen das Gitarren-Banjo, das Tenorbanjo, die 5-String-Fiddle, die Tenor-Gitarre, das Cello, das Upright-Piano und das Glockenspiel. Das 5-String-Banjo wird dabei häufig nicht im 3-Finger-Picking-Stil, sondern im altmodischen Clawhammer-Stil gespielt. Das Kuriosum dabei: Das Alte wird plötzlich unheimlich modern, die akustischen Old-Time-Musiker werden zur Avantgarde.

Das Problem ist nur, wie soll man diese aufgepeppte, neue Old-Time-Music denn nennen? Begriffe wie New Bluegrass, Alternative Bluegrass, Contemporary Bluegrass oder einfach Old-Time-Music werden strapaziert. Eine Lösung ist noch nicht in Sicht, zumal es in dieser aufstrebenden Szene mächtig brodelt. Ken Tucker von „USA Today“ nennt diese Gruppen einfach „Folk/Bluegrass-Bands“.

Eine der ersten spektakulären Gruppen dieser neuen musikalischen Richtung war die „Old Crow Medicine Show“ gefolgt von den „Crooked Jades“ und neuerdings den „Steel Drivers“. Viele andere kamen inzwischen dazu.

Doch die wohl heißeste all dieser Gruppen nennt sich „Crooked Still“, kommt aus Boston/Mass. und existiert bereits seit 5 Jahren. Diese Band galt lange Zeit als Geheimtipp und kurz vor der Produktion ihres dritten Albums hat sie sich neu formiert. Zu den Gründungsmitgliedern Aoife O’Donovan (Gesang, Gitarre, Bariton Ukulele, Glockenspiel, Piano), Gregory Liszt (Banjo) und Corey Dimario (Bass, Tenor Gitarre) kamen Brittany Haas (5-String-Fiddle) und Tristan Clarridge (Cello, Fiddle) und aus dem ursprünglichen Quartett ist damit ein Quintett geworden. Ausgeschieden war zuvor der Cellist Rushad Eggleston.

Und was dieses Quintett auf dem neuen Album präsentiert ist verbal kaum zu vermitteln. Auch die überschwänglichen Kommentare der amerikanischen Presse vermögen dies nur ungenügend zu beschreiben. Am vierten Tag der Existenz dieser neuen Besetzung von Crooked Still beförderte Produzent Eric Merrill die Band in ein grosses Studio und nahm innerhalb eines einzigen Tages in einer Art kreativer Live-Atmosphäre dieses neue Album auf. Die Musik von Crooked Still reflektiert dabei all jene Stimmungen, die man an der Old-Time-Music, aber auch insgesamt an der alten Country Music, so geschätzt hat: Alltagserfahrungen, Fantasie, Schuld, Rache, Not und Befreiung. Besonders fasziniert der fast gehauchte Klang von Aoife O’Donovan’s zarter Stimme, die etwas an Alison Krauss erinnert, aber dennoch viel stärker im Blues verwurzelt ist. Fiddle, Banjo und Cello liefern beeindruckende Soli ab, welche die kreative Energie des gesamten Ensembles offenbaren. Über dem Ganzen liegt eine tiefe Schwermut, eine unsägliche Trauer, die schon durch das Cover-Foto mit dem alten Friedhof und den darüber fliegenden Raben überdeutlich zum Ausdruck kommt. Diese Musik hat so gar nichts zu tun mit jener „Gute Laune Musik“, die von der neuen Generation deutscher Country Fans oft von Country Bands erwartet wird.

Zusammengefasst: Crooked Still vermischt klassische, traditionelle und moderne amerikanische Stile und hängt die Messlatte für virtuose, dynamische Musiker sehr hoch. Hier wird eine moderne musikalische Hybride geschaffen, gespielt auf klassischen Instrumenten. Wie sagt doch die Sängerin Aoife O’Donovan: „We’re a groove-based band without a drummer. We push the beat, staying true to the tradition while we bring old songs into the 21st century.“

Dieses Album wurde am 24. Juni in den USA und Europa veröffentlicht.

Walter Fuchs