Country Music und Politik

Dass mit Musik grosse Bevölkerungsschichten zu beeinflussen sind, wissen nicht nur die Produzenten populärer, sogenannter massentauglicher Musik, sondern auch die Politiker. So wie man Menschen mit Musik erschrecken kann, so kann man sie auch begeistern mit Hilfe populärer Musik oder bekannten Melodien, die Erinnerungen wecken. Bedenklich wird dies in der Politik vor allem dann, wenn der Zuhörer durch den musikalischen Impuls so stark beeinflusst wird, dass die Ratio teilweise oder sogar ganz abgeschaltet wird und der potentielle Wähler dadurch zum Beispiel in der Wahlkabine zu irrationalem Handeln geneigt ist, nur weil einer der Kandidaten bei einer Wahlveranstaltung zur „richtigen“ Musik gegriffen hat.

In den USA hat der Einsatz von Musik durch Politiker im Rahmen von Wahlveranstaltungen eine lange Tradition, angefangen von Bürgermeisterwahlen bis hin zu Präsidentenwahlkampagnen. Wie dies funktionieren kann, ist für jeden in dem Kultfilm „O Brother, Where Art Thou ?“ mitzuerleben.

Kritisch kann es vor allem für einen amerikanischen Politiker werden, der sich in Interviews zu persönlichen Präferenzen aus dem Musikbereich äussern soll. Sollte er ehrlich sein und zum Beispiel sagen, er mag keine schwarze Musik, dafür höre er am liebsten 24 Stunden pro Tag osmanisches Tongut, mexikanische Corridos oder polynesische Gesänge? Wenn der Politiker klug ist, wird er sich um die Antwort auf eine solche Frage herumdrücken oder versuchen, das gesamte Musikspektrum abzuspulen oder aber zumindest bemüht sein, weder seine schwarze noch seine weisse Klientel zu verärgern. Aus der Süddeutschen Zeitung war kürzlich zu erfahren, der amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama habe auf die Frage von Jann S. Wenner, dem Herausgeber des Magazins „Rolling Stone“, was sich denn so auf seinem iPod befinde geantwortet: Bob Dylan, Bruce Springsteen, Jay Z, die Rolling Stones, Elton John, Miles Davis, John Coltrane, Charlie Parker und ein paar andere. Kein Name aus der Country Music Szene.

Dazu schrieb Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen Zeitung: „Zum Bekenntnis taugt die Liste nur dort, wo etwas fehlt. Dieses Bekenntnis jedoch hat es in sich. Kein einziger musikalischer Held der weissen Arbeiterschicht ist vertreten, nicht einmal der Country-Weltstar Garth Brooks. Und das, obwohl es von vielen Beobachtern für ausschlaggebend gehalten wird, wie sich diese Wählergruppe im November entscheidet. Der Mann hat Mut.“

So weit, so gut oder auch so schlecht. Hatte Obama denn nun tatsächlich Mut oder war er so ehrlich zu zeigen, dass ihm an Country Music nichts liegt oder war es einfach Leichtsinn oder Vergesslichkeit aus taktischen Gründen nicht auch den Namen von Hank Williams, Johnny Cash oder Garth Brooks zu erwähnen?

Dabei würde Obama tatsächlich im Trend liegen, hätte er sich auch nur annähernd positiv zur Country Music, der erfolgreichsten Popmusik Amerikas, geäussert. Er hätte weisses wie auch beachtliche Teile des schwarzen Wählerpotentials für sich gewonnen. Denn wie schrieb Jonathan Fischer am 14. Juli 2008 in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift „ Allheilmittel – Von der Liebe afroamerikanischer Pop- und Hip-Hop-Stars zum weissen Country“ unter anderem: „Gemeinsam ist den neuen schwarzen Country-Aufsteigern eigentlich nur eines: Eine gegen alle Widerstände verteidigte Faszination für die Musik des vermeintlichen Gegners. Und die Erkenntnis, erst einmal für ihre Hautfarbe und dann für ihre Musik beachtet zu werden. Dabei sind laut Umfragen ein knappes Viertel der Country-Radio-Konsumenten schwarz und junge urbane Afroamerikaner die am schnellsten wachsende Hörergruppe.“ Und an anderer Stelle zitiert Fischer den HipHop-Superstar Nelly aus St.Louis, der das Werk seines schwarzen Kollegen Cowboy Troy aus Dallas zu Ende bringen will: „Ich höre mir auf meinem iPod die alten Songs von Hank Williams und Johnny Cash an. Verdammt! Wenn mir so ein Stück gelingt, bin ich ein gemachter Mann!“

Nelly also ein weiterer afroamerikanischer Künstler mit Country-Ambitionen? Er stünde nur an der Spitze einer langen Reihe schwarzer Künstlerinnen und Künstler, die vor Jahren und Jahrzehnten schon teilweise mit grossem Erfolg Country Music Geschichte geschrieben haben: DeFord Bailey, Linda Martell, Ray Charles, Ivory Joe Hunter, Big Al Downing, Charley Pride, Stoney Edwards, O.B. McClinton, Pointer Sisters, Fats Domino und viele andere.

War also Barack Obama mutig und ehrlich oder einfach schlecht beraten? Wir wissen es nicht! Wir wissen nur, dass die Country Szene für jeden offen ist, und gute Country-Texte sprechen menschliche Grundwahrheiten jenseits aller Hautfarben an. Toleranz ist allerdings immer die Voraussetzung, auch wenn es um musikalische Vorlieben geht.

Walter Fuchs