Welche Musik ist „radiotauglich“?

Als die deutschen Hörfunkprogramme noch nicht „formatiert“ waren, da war jede gute Musik grundsätzlich „radiotauglich“. Das war zu einer Zeit, als jedes Programm ein „Einschaltprogramm“ war, das heißt, als man im Programmheft nach dem jeweils interessierenden Thema suchte, so, wie man’s auch heute noch mit den TV-Programmen praktiziert. Die sogenannten „Einschaltprogramme“ (was für ein schreckliches Wort) beschränken sich heute auf die „Kulturprogramme“, jene Programme, die sich an ein anspruchsvolleres Publikum wenden, an Menschen, die nach wie vor mit Hilfe der Programmzeitschrift „einschalten“. Im Umkehrschluss sind alle anderen Programme, die Formatprogramme also, Geräuschkulissen, die man einmal pro Tag ein- und abschaltet. Der geübte Hörer weiß also ganz genau, was ihn beim Formatprogramm erwartet, er muss auch gar nicht mehr hinhören, denn die Musik ist gleichförmig, und die Rotation ist meist so eng, dass man ein und denselben Titel bis zu 10 mal und mehr pro Tag hört. Und da der Formathörer vom jeweiligen Formatsender so gezüchtet wurde, dass er überhaupt nichts mehr anderes hören will und kann, muss der Programmgestalter, von Musikredakteur kann man da überhaupt nicht mehr sprechen, nur noch aufpassen, dass er keine „Ausschaltimpulse“ produziert. „Ausschaltimpulse“, das sind in der Fachsprache Musiktitel, die sich zu stark vom üblichen Einheitsbrei unterscheiden, sodass sie vom Hörer als fremd, ja, als unangenehm empfunden werden, was reflexartig zum Aus- oder Umschalten führt, denn etwas Neues aufzunehmen, sich mit ihm zu beschäftigen, würde bedeuten, das eigene Gehirn übermäßig zu strapazieren, man müsste genauer hinhören. Da dies jedoch der gezüchtete Hörer nicht will, wird auch folgerichtig die Moderation auf einem niedrigen Level gehalten, man muss nicht unbedingt zuhören und wenn doch, dann führt dies nur zu unnötiger Arbeit, nämlich der späteren Entmüllung des Gehirns.

Dabei gibt es zwischen dem E-Musik-Bereich und den weichgespülten Rock- und Poptiteln so viele Musiksparten wie Blues, Roots, Jazz, Weltmusik, Country, Bluegrass, Gospel, Americana, Chanson, Irish, Barbershop, Swing etc. die zwar regelmäßig Theater, Konzertsäle und Kleinkunstkeller füllen, aber die in den Radioprogrammen selten oder überhaupt nicht auftauchen. Schuld an der Misere ist das kommerzielle Denken der Radiomacher, auch des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks, die zwei Mal pro Jahr fasziniert die Medienanalyse (MA) studieren, um festzustellen, ob man Hörer verloren oder gewonnen hat. Dabei geht es nicht allein um einen Wettbewerb um die höchste Einschaltquote, sondern um die Tatsache, dass bei mehr Zuhörern die Preise für die Werbung steigen können. Dass sich schon sehr früh die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten auf einen Wettbewerb mit den privaten Sendern eingelassen haben, geht zu Lasten der Gebühren zahlenden Hörer, die für ihr Geld nur noch wenig Qualität geboten bekommen, wenn man einmal von den Nachrichten absieht, doch die kann man auch jederzeit im Internet erhalten.

Diese Programmpolitik geht sogar so weit, dass Künstler, Sängerinnen und Sänger, von der Musikindustrie mehr oder weniger manipuliert werden, ihre Musik so zu gestalten, dass sie in die gängigen Formatprogramme mit ihrer flachen, glattgebügelten Musik (Dudelfunk) passen. Ja nicht durch Ecken und Kanten unangenehm auffallen, nur kein Überforderungspotential liefern, damit man nicht als „Abschaltimpuls“ eingestuft wird. Eine solche Bedrohung, ein solcher Druck bedeutet das Ende jeglicher Kreativität, jeglicher Kunst.



Nimmt man als klassisches Beispiel die Country Music Szene in den USA. Ihre Protagonisten haben viele Jahrzehnte gut von ihrer Kunst gelebt, doch die Musikindustrie wollte mehr, spätestens, als Garth Brooks ab Anfang der 90er Jahre gezeigt hatte, dass man auch mit Country Music Millionenumsätze tätigen, ja, sogar die Beatles, Elvis Presley und Michael Jackson übertrumpfen konnte. Um dies zu erreichen, ja, um immer noch zu steigern, musste man die Musik verändern, denn eine Musik, mit so tiefen Wurzeln im Blues und der anglo-keltischen Folkmusic, geprägt von der amerikanischen Unterschicht, den Farmern, Fabrikarbeitern und Handwerkern, liess sich nicht so leicht landesweit, ja sogar weltweit, verkaufen. Und so war es gekommen, dass die Musik von George Jones, Merle Haggard oder Johnny Cash irgendwann nicht mehr über die großen amerikanischen Country Stationen gespielt wurde. „ Das klingt viel zu sehr nach Country“ war die Begründung. Man muss sich diese Perversion einmal vorstellen: „Zu Country für eine Country Radiostation“. Hat man jemals gehört, dass bei einer Jazz Station eine Jazznummer als „zu jazzy“ abgelehnt wurde? Nun sind die Freunde spezieller Musikarten in den USA allerdings immer noch besser gestellt als in Deutschland, dank der zahlreichen kleineren Spartensender.

Auch das Argument mancher Fans, die Musik muss sich eben entwickeln, kann in diesem Zusammenhang nicht akzeptiert werden. Entwickeln ja, aber wenn dabei die Identität vor die Hunde geht, wenn aus Country billige Pop Musik wird, „Rock & Schlock“, wie es in den USA heißt, dann stimmt etwas nicht.



Jüngstes Beispiel für die Mutation eines Country Sängers zum Pop Star: Keith Urban. Der in Neuseeland geborene und in Australien aufgewachsene Keith Urban war über die Platten von Charley Pride, Dolly Parton, Don Williams und Jim Reeves mit der Country Music in Kontakt gekommen, gewann Talentshows und machte sich nach vier No.1 Hits in den australischen Charts auf den Weg nach Nashville. Mit seinem Trio „The Ranch“ kam er 1997 bis auf Pos.50 der Country Charts mit dem Titel „Walkin’ The Country“. Das war zwar keine traditionelle Country Music, doch der etwas schleppende Drawl, das Idiom und das Song-Thema schafften einen idealen Kontrapunkt zum etwas rockigen Arrangement, der Song passte in jedes Country Music Programm. 1999 folgte der erste Solo-Hit mit „It’s A Love Thing“, das war ziemlich genau 10 Jahre nach Garth Brooks’ erstem Hit, und schliesslich begann ab dem Jahre 2000 die Serie der Top Erfolge für Keith Urban. Er wurde zum Country Superstar, doch die Industrie wollte mehr. Je mehr die Country-Elemente seiner Musik verschwanden, desto mehr mutierte Keith Urban zum Rock- und Pop-Star und konnte auch weltweit angeboten werden, seinen Auftritt bei „Wetten, dass?“ hätte er kaum als Country Sänger geschafft. Und so wird er schon seit geraumer Zeit ausserhalb der USA nicht mehr als Country Star vermarktet, was er auch nicht mehr ist und sein will. Wie schrieb doch kürzlich der Musikchef eines Privatsenders aus Süddeutschland über Keith Urban: „Mit seinem neuen Produkt „Love, Pain & The Whole Crazy Thing“ hat der Australier dem Country weitestgehend den Rücken gekehrt und mit seinen radiotauglichen Songs auf Rock und Pop gesetzt“. Das ist es also, Rock und Pop ist „radiotauglich“, ergo ist Country „radiountauglich“, wird nicht gespielt, erzeugt nur „Ausschaltimpulse“. Ja warum um alles in der Welt ist Country Music, vor allem die traditionelle Bluegrass Music, dann konzertsaaltauglich? Kleinkunstkeller sind bei „unplugged Country Music“ ausverkauft, beim jährlichen Bühler Bluegrass Festival spielen die Bands vor vollem Konzerthaus und das Oldenburgische Staatstheater veranstaltet in diesem Jahr sein erstes Konzert mit einer amerikanischen Bluegrass Band und bereitet schon jetzt das nächste im Jahre 2008 vor. Warum also werden Freunde der amerikanischen volkstümlichen Musik, das war und ist Country Music in ihrer ganzen Bandbreite, eigentlich trotz Zwangsabgabe an die GEZ kaum bedient? Nur weil man im Konkurrenzkampf mit den privaten Sendern liegt und Country Music dadurch nicht „radiotauglich“ sei. Warum erkennt man nicht, dass man auch mit „nicht radiotauglicher Musik“, z.B. Dixieland, Americana, Gospel etc. am Ende eines Sendetages auf seine Hörerzahlen kommen könnte, mit Hörern, die obendrein konzentriert zuhören können? Wie schrieb doch die Tageszeitung „Die Welt“ am 22. November 2004: „Dass Bluegrass und Country nur etwas für Fernfahrer und ältere Florida-Touristen seien, bleibt einer der dümmsten Irrtümer der Popkultur.“ Und Klaus Walter schrieb am 04.12.2004 in der Frankfurter Rundschau zum Thema „Musik im Radio“: „Die Reduzierung des Repertoires ist die wichtigste Aufgabe der Musikredakteure, deren Berufsbild sich radikal gewandelt hat – weg vom kreativen Programmgestalter mit künstlerischen Freiheiten, hin zum Rotations-Controller zu Vermeidung von Ausschaltimpulsen. „Ausschaltimpuls“, das ist eine pseudowissenschaftliche Umschreibung für: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Nach dieser Devise wird dem wiederkäuenden Hörer ausschließlich Musik zugemutet, die er schon 1000 Mal schmerzfrei gekaut, geschluckt und verdaut hat.“ Und Achim Bergmann schrieb einmal in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift: „Was für ein erbärmlicher Dreck“ über die Haltung der Öffentlich Rechtlichen Sendeanstalten zur Vielseitigkeit und Pluralität: „Schlimmer allerdings sind die Sender, die den schönen Beinamen „öffentlich“ führen, den sie nicht verdienen. Sie werden von den Bürgern zwangsfinanziert und wären verpflichtet, sich als Moderatoren für die vielseitigen Musiken und Äußerungen zur Verfügung zu stellen, die erst einen freien Markt in einer demokratischen Gesellschaft ausmachen. Sie beweisen ganz in der deutschen Tradition der Verachtung von Massen- und Popularkulturen ständig, was sie von den Massen halten - , die wollen nichts anderes als diesen Mist’ – und was man ihnen jenseits der Durchhörbarkeit auf der Angebotsseite gar nicht erst zumuten will. Sie produzieren eine Mangelgesellschaft durch Unterdrückung der vielen Möglichkeiten.“ Und wie sagte Peter Stockinger, ehemaliger Chefredakteur von SWF 3, in einem Interview für das „MediumMagazin“ im November 2006: „Wenn nichts mehr im Programm vorkommen soll, was irgendwie stören könnte, ist die Folge, dass die Leute irgendwann kein Radio mehr hören. Wenn ein Sender auf Durchhörbarkeit bei der Musik setzt, da hole ich mir doch meine Musik lieber auf den iPod. Das ist dann persönlicher zugeschnitten und „durchhörbarer“ als alles andere.“ Und auch Götz Alsmann graust es beim Gedanken an die Popmusik und deren bescheidene Qualität. Alsmann: „Das sprachliche Niveau war noch nie so mies wie derzeit. Wer wissen möchte, wie falsch ein Relativsatz sein kann, der muss nur einen modernen Popschlager hören.“

Es gibt in Deutschland zu viele Radiosender, die tagtäglich denselben musikalischen Einheitsbrei herunterdudeln und sich kaum noch voneinander unterscheiden, man spielt nur „radiotaugliche Musik“, Musik, die nicht beim Bügeln stört. Das Radio ist hierzulande kein Abenteuer, kein Erlebnisradio mehr, es ist nur noch langweilig. Und wenn die „Radiotauglichkeit“ zum Qualitätskriterium wird, dann Gute Nacht deutsche Kulturnation oder was davon übrig geblieben ist.

Walter Fuchs