10.08.2007

»Will nicht mit Zahlen langweilen«

»Country-Papst« Walter Fuchs über das Museumsfest, die Eisenbahn und natürlich Musik

Von: Michael Müller

Das Wort »Country-Papst« hört er eigentlich gar nicht gerne. Aber unbestritten ist Walter Fuchs einer der profundesten Kenner der Country-Musik. Jahrelang hat sich der gebürtige Offenburger, der heute in Bühl lebt, in Fachbüchern und Radiosendungen dieser uramerikanischen Musik gewidmet und dabei viele Vorurteile ausgeräumt. Heute, Freitag, 10. August, beschäftigt er sich im Rahmen des Renchener Museumsfestes in einem Vortrag im Simplicissimus-Haus mit der amerikanischen Eisenbahn und ihrer Reflexion in den Folksongs der vergangenen 100 Jahre. Beginn: 20 Uhr.

? Country-Musik beim Museumsfest in Renchen – wie kam’s dazu?

Walter Fuchs: Ich wurde vor etwa anderthalb Jahren bei einem Konzert mit Museumsleiter Thomas Lubkowski bekanntgemacht, und er fragte mich, ob ich beim Museumsfest »ein bisschen was über Country-Musik« erzählen könnte. Ich schlug ihm dann vor, damit’s nicht zu lang wird, ein Spezialthema zu wählen, wo man dann auch Vergleiche ziehen kann zu Deutschland. Und das Thema »Eisenbahn« ist insofern interessant, als es in Deutschland kaum Volkslieder über die Eisenbahn gibt – mir fällt immer nur »Auf der schwäb’sche Eisebahne« ein. In Amerika dagegen sind es Tausende – ich kenne sie auch gar nicht alle. Und das, obwohl die Eisenbahn heute in Amerika fast bedeutungslos ist.

? Warum ist das denn so?

Fuchs: In Amerika fiel die Entwicklung der Eisenbahn in etwa zusammen mit der Eroberung des Westens. Dann hängt es auch sicher zusammen mit der Größe des Landes. In einem kleinen Land wie Deutschland wurde die Fantasie durch die Bahn nicht angeregt – da war’s lediglich ein Wechsel des Mediums: von der Postkutsche zur Eisenbahn. Ein großes Land wie die USA regt die Fantasie an. Und so gibt’s Eisenbahn-Songs aus verschiedensten Blickwinkeln. Es gibt viele Songs über Eisenbahnunfälle – es ist erstaunlich, was da alles passiert ist. All diese Bedenkenträger, die bei uns immer gleich auf den Plan treten, gab’s in den USA nicht. Da wurde gerast, da sind Lokomotiven explodiert – das sind alles Motive für Liederschreiber. Oder die Eisenbahn-Tramps – ein Phänomen, was es in Deutschland gar nicht gab, weil da die Strecken einfach zu kurz waren. Und ein Hauch von Romantik gehört natürlich auch dazu.

? Welche Bedeutung hatte die Eisenbahn für die USA?

Fuchs: Die rasche Erschließung des Landes ist durch die Eisenbahn vorangetrieben worden – oft übrigens sehr rücksichtslos: Man hat die Indianer vertrieben und Farmer enteignet, wenn’s nötig war. Da kamen dann auch Räuberbanden auf – das waren oft Söhne geschädigter Farmer, die dann die Bahn überfallen haben. Jesse James ist ein Paradebeispiel. Er wird in vielen Songs verehrt als eine Art amerikanischer Robin Hood.

? Warum hat die Eisenbahn denn so sehr an Bedeutung eingebüßt?

Fuchs: Für den Rückgang gibt’s mehrere Gründe. Schon Ende der 20er Jahre bekam die Eisenbahn Konkurrenz durch die Überlandbusse. Später kamen das Flugzeug, das Automobil – gefördert durch die Fließbandproduktion wurden Autos billig – und nicht zu vergessen die Trucks, die ab den 30er Jahren schon eine große Rolle gespielt haben. Heute gibt’s in New York noch die Grand Central Station, wo viel Betrieb ist, aber auf dem flachen Land gibt es kaum noch Züge. In Memphis oder Nashville gibt’s wunderschöne alte Bahnhöfe – das sind heute Restaurants!

? Wie setzt man so ein Thema in einem Vortrag um?

Fuchs: Der Focus ist auf die Musik gerichtet. Man kommt natürlich um einige historische Daten nicht herum – aber ich will niemanden mit zu viel Zahlen langweilen. Aber sie geben einen guten Eindruck von der Hektik der Entwicklung der Eisenbahn. Es wird Songs geben aus den verschiedensten Blickwinkeln – von Johnny Cash, Hank Snow oder Roy Acuff. Und natürlich darf »City of New Orleans« als klassischer Song über das Sterben der Eisenbahn nicht fehlen.

Vorschau

Country-Musik live gibt’s übrigens morgen, Samstag, 11. August, beim Konzert der deutschen Bluegrass Band »Night Run«. Walter Fuchs wird den Abend moderieren. Beginn: 20.30 Uhr vor dem Simplicissimus-Haus.
Infos: ? 0 78 43 / 7 07-20.

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13.08.2007

»Solche Musik hören sie vielleicht nie wieder«

Walter Fuchs gab zum Auftakt des Museumsfestes in Renchen Einblicke in die Musiktradition Amerikas

Von: Michael Müller

Renchen (mmü). Einen seltenen Einblick in die Musiktradition Amerikas vermittelte der Vortrag von Walter Fuchs über die amerikanische Eisenbahn und ihre Reflexion in den Folksongs der vergangenen 100 Jahre am Freitag zum Auftakt des Renchener Museumsfestes im Keller des Grimmelshausenmuseums.

Amand Goegg hielt sich nach der Niederschlagung der badischen Revolution auch eine Zeitlang in Amerika auf – das war die Inspiration, für das diesjährige Museumsfest ein Programm rund um die amerikanische Musiktradition zu schneidern. Einiges von dem, was der Bühler Country-Experte Walter Fuchs über die amerikanische Eisenbahn zu sagen hatte, könnte der große Renchener Freiheitskämpfer vielleicht sogar noch aus erster Hand erfahren haben.

Denn zu Goeggs USA-Zeit waren die Menschen mit Hilfe der Eisenbahn gerade dabei, den Kontinent zu erobern. Ohne die »Dampfrösser« wäre das nie zu schaffen gewesen. Mit Hilfe weniger, dafür aber aussagestarker Zahlen machte Fuchs die Rasanz deutlich, mit der das Schienennetz ausgebaut wurde. Er ließ jedoch auch die Schattenseiten nicht unerwähnt. Etwa die Rücksichtslosigkeit, mit der die Eisenbahngesellschaften Indianer oder Farmer vertrieben, die ihren Streckenbauplänen im Weg waren; oder die zahlreichen Unfälle – hervorgerufen oft durch zu hohe Geschwindigkeiten auf dafür nicht ausgelegten Gleisen. Die Geschichte von Casey Jones etwa, dem »brave engineer«, dem tapferen Lokführer, der am 30. April 1900 mit einer verzweifelten Notbremse noch versucht, den Aufprall seines Zuges auf einen mitten auf der Strecke stehenden anderen Zug zu verhindern, und bei diesem Unfall als einziger zu Tode kommt, kennt in den USA jedes Kind.

Und so ranken sich um die Eisenbahn in den USA unzählige Historien und Histörchen – und die befeuerten auch die Kreativität unzähliger Liederschreiber. Und so ließ Fuchs denn auch vor allem die Musik sprechen.

Beklemmende Dramen

Und das war vielleicht das wirklich Erhellende an diesem Abend. »Hören Sie gut zu«, forderte Fuchs die Besucher im Museumskeller auf, »solche Musik hören Sie vielleicht nie wieder in ihrem Leben.« In der Tat: Es ist schon traurig, wie armselig die heutige Musikszene geworden ist. Sparsam instrumentierte Rezitative wie »The Davis Ltd.« von Jimmie Davis, in dem sich unter anderem andeutet, welch gefährliches Leben die »Hobos«, die Eisenbahn-Tramps also, lebten – da konnte es schon mal passieren, dass sie, wenn sie vom Schaffner entdeckt wurden, aus dem fahrenden Zug geworfen wurden –, oder beklemmende, die Stimmung von Edward-Hopper-Gemälden evozierende Musik-Dramen wie »Come the Morning« von Hank Snow, das von einem Mann erzählt, der abends vom Hotelzimmer aus zusieht, wie unten auf den Schienen ein Zug zusammengestellt wird, dabei seine letzte Zigarette raucht – und plötzlich wird klar: Der Mann wird sich noch in dieser Nacht umbringen –, die Zeiten, wo sich Musiker und Produzenten so viel Mühe mit einem Stück Musik gaben, sind lange vorbei. Und leider oft auch die Bereitschaft der Hörer, sich mit solcher Musik intensiv zu beschäftigen.

In Renchen war gottlob noch ein bisschen »gute alte Zeit« spürbar: Dort stieß Fuchs jedenfalls auf ein aufmerksames Publikum.