Vom Mythos des „Wilden Westens“

Take 3 – Das Original

„Uns’re Herzen schlagen für den wilden Westen“, so sang 1998 einmal eine deutsche Cowboy Kapelle. Unglaublich dieser Gefühlsausbruch , wenn man weiss, was sich in jener Ära des sogenannten „Wilden Westens“ in Nordamerika abgespielt hat. Da wurden die Büffel zum Jagdvergnügen der Ostküsten- Millionäre fast ausgerottet, Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung und Verträge mit den Indianern wurden gebrochen. Diese bedauernswerten Menschen wurden in meist unwirtliche Reservate, die „Bad Lands“, gedrängt und mussten dabei noch froh sein, wenn sie mit dem Leben davon kamen. Meist wurden von der U.S.Armee die Indianer, ob Männer, Frauen oder Kinder, gnadenlos niedergemetzelt und im Tode noch verstümmelt. Und selbst „General“ George Armstrong Custer, einer der Unbarmherzigsten aller Indianerjäger, gab sich einmal in einer Aussage über die Situation der Ureinwohner Amerikas verständnisvoll:“ Wäre ich ein Indianer, würde ich es unbedingt vorziehen, mich jenen Angehörigen meines Volkes anzuschliessen, die auf den freien offenen Plains geblieben sind, anstatt mich den engen Grenzen einer Reservation zu unterwerfen, um dort der Empfänger der segensreichen Wohltaten der Zivilisation zu sein, deren Laster ohne Maß oder Einschränkung mit dreingegeben werden.“ Bei einem der letzten grossen Massaker an den Indianern am Wounded Knee im Dezember 1890 wurden von 350 Indianern über 300 umgebracht, es waren Männer, Frauen und Kinder. Vier Tage nach Weihnachten brachten die Soldaten noch ein paar zerfetzte und blutende Indianer in die Episkopalkirche der Indianeragentur am Pine Ridge. Ein paar Kerzen brannten und über dem Altar stand: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Häuptling Big Foot, der bei dem Gemetzel am Wounded Knee umkam, hat das furchtbare Schicksal der Indianer einmal in einem Satz zusammengefasst: „Die Weißen haben uns viel versprochen, mehr als ich aufzählen kann, aber gehalten haben sie nur ein Versprechen; sie schworen, unser Land zu nehmen, und sie haben es genommen.“

In den USA wurde der Mythos vom „Wilden Westen“ schon sehr früh von vielen Magazinen und Zeitungen, allen voran „Harper’s Weekly“, gefördert. Der Cowboy wurde zum Helden hochstilisiert und der gesamte „Wilde Westen“ romantisiert. Hollywood war später mit seinen Western-Film-Produktionen ebenso fleissig bemüht, um die Geschichte dieser gewaltsamen Landnahme zu beschönigen und glattzubügeln. Die Bösen waren dabei fast immer die „Wilden“, die Indianer, und bei Fehden unter den Weissen siegten immer die Guten, die Bösen wurden bestraft.

In Deutschland setzte etwa ab 1825 eine Welle der Begeisterung für den amerikanischen „Wilden Westen“ und dessen Klischees von Gut und Böse ein. Die Quellen dafür waren Coopers „Lederstrumpf – Erzählungen“ und danach Karl May mit seinen „Winnetou – Romanen“, die in Deutschland zu echten Rennern wurden. Ähnlich wirklichkeitsfremd waren später die Shows des Tierhändlers Carl Hagenbeck, der einem begeisterten Publikum im Rahmen seiner Völkerschauen Indianer und exotische Tiere präsentierte. Allein im Jahre 1910 besuchten über eine Million Zuschauer den Hagenbeck-Tierpark in Hamburg, um dort einen Sioux-Indianer zu besichtigen. Unter dieser „Wildwest-Euphorie“ leidet Deutschland und damit die gesamte Country Music Szene noch immer. Denn die in Deutschland weit verbreitete Verklärung des „Wilden Westens“ mit seinen Trappern, Indianern und Cowboys und die daraus aus Unwissenheit und vielleicht auch aus Dummheit hergestellte Verknüpfung mit der Country Music, haben immer wieder zu Irritationen geführt. Country Music ist keine Wildwest-Musik und wenn in den Texten der Country Songs auf die Pionierzeit der USA Bezug genommen wird, dann in sehr realistischer Weise. Wo ist sie denn, die „Wildwest-Romantik“? Etwa in den Songs von Johnny Cash „Apache Tears“ oder „Old Apache Squaw“, in denen er über das furchtbare Schicksal der Indianer singt? Und wo ist die Romantik in dem hochaktuellen Song „Who’s Gonna Build Your Wall?“, in dem Tom Russell die über 800 Meilen lange geplante Mauer zwischen Mexiko und den USA anprangert? Country Music ist eine unmittelbare Reflexion des Alltags und da ist kaum Platz für Romantik, zumindest nicht bei jener „Unterschicht“, der wir die Country Music zu verdanken haben, des „Poor White Trash“. Und wenn in Deutschland in Verbindung mit Country Festivals und Country Nächten vom „gemeinsamen Zelebrieren der Musik des Wilden Westens“ gesprochen und geschrieben wird, dann ist dies schlicht und ergreifend falsch und ein Zeichen von Unwissenheit.

Begonnen hatte die unglückselige Verquickung von Country Music mit den Cowboys 1930, als man in Hollywood den „Singenden Cowboy“ erfand und mit Hilfe der billigen Serienproduktionen, den sogenannten B-Western, ein ideales Werbevehikel schuf für die Schallplattenindustrie, welche die Platten der 2 bis 3 Film-Songs sofort zur Filmpremiere anbot. So arbeiteten Film- und Schallplattenindustrie, die ohnehin über ihre Gesellschafter verbunden waren, eng zusammen und förderten damit ein Riesengeschäft. Dabei hat dieses Klischee vom „Singenden Cowboy“ der amerikanischen Country Music Szene kaum geschadet und als in den 50er und 60er Jahren die Nashville Stars in ihren Rhinestone-Suits und ihren Cowboystiefeln herumliefen, so hinterliess auch diese Modeerscheinung kaum grössere Schäden.

Ganz anders in Europa, vor allem in Deutschland. Da versuchte die wiederaufblühende Schallplattenindustrie kurz nach dem 2. Weltkrieg, die Deutschen vom Nachkriegselend abzulenken mit Wildwest-Schlagern wie „Mit ‚nem alten Cowboy kann man Pferde stehlen“ von Will Höhne, „Cowboy Jimmy“ mit Goldy und Peter De Vries und die Kilima Hawaiians verwöhnten ihr Publikum mit der unvergesslichen Schnulze „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“. Spätestens da begann die Klischeebildung und das ganze Dilemma, unter der die Country-Music-Szene in Deutschland immer noch zu leiden hat – jenes Klischee von der Country Music als Cowboy-Musik, Lagerfeuerromantik, heile Welt und all diesem Quatsch. Der Cowboy hat mit der Country Music genauso wenig oder genauso viel zu tun wie ein Eisenbahner, ein Lkw-Fahrer oder ein Metzgermeister. Es gab und gibt keinen Cowboy-Stil und es gibt auch kaum einen Cowboy unter den Stars, wenn man einmal von akademisch gebildeten Ranchbesitzern wie George Strait oder dem Rodeoreiter Chris LeDoux absieht. Auch bei den Epoche prägenden Stars sucht man vergeblich einen Cowboy. Der „Vater der Country Music“ Jimmie Rodgers war einmal Bremser bei der Eisenbahn, dann wieder Tellerwäscher oder Taxifahrer. Hank Williams hatte überhaupt keinen Beruf erlernt und Johnny Cash gab bei seiner Musterung zum Militär als Beruf „Buttermacher“ an, weil er einmal in einer Margarinefabrik gearbeitet hatte.

Nun mag man einwenden, dass es doch recht viele Cowboysongs gibt und in den 20er und 30er Jahren auch angeblich echte Cowboys vors Studiomikrofon geholt wurden. Richtig, nur werden diese Songs von ganz normalen Sängern, also keineswegs von Cowboys, gesungen, und jene Sänger, die sich aus kommerziellen Gründen als Cowboys ausgaben, waren bei näherem Hinsehen nichts als Gelegenheitsarbeiter. Hier liegt der kleine Unterschied, nicht die Cowboys sangen über sich, sondern es wurde über die Cowboys gesungen.

Wer waren sie denn, die echten Cowboys? Wie der Name schon sagt, waren es Kuhhirten, einfache Burschen, die sich für einen Hungerlohn verpflichteten, Kühe zu kennzeichnen, die Herden zusammenzuhalten und irgendwann in die Schlachthöfe zu treiben. Dabei war die grosse Zeit dieser Viehtreiber die Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, also nach 1865. Während des Kriegs waren die Herden verwildert, sie hatten sich im Süden, vor allem in Texas, ungeheuerlich vergrössert. Andererseits hungerte der Norden, man benötigte dringend das Fleisch. Aufgabe der Cowboys war es nun, die riesigen Herden zum nächsten Bahnhof zu treiben, der oftmals viele hundert Kilometer entfernt lag. Das waren zwar grosse Leistungen, die da erbracht wurden, dennoch stand der Kuhhirt in der sozialen Hierarchie ganz unten. Erst durch die amerikanische Filmindustrie wurde der Kuhjunge hochstilisiert und die Wildwestromane taten ein übriges, um den Cowboy zum unbesiegbaren Helden zu machen. Das Klischee war geboren und ist bis heute vor allem in Deutschland fest verankert.

Dieses Cowboy- und Wildwest-Klischee wurde dann auch rasch von der deutschen Schallplattenindustrie übernommen als man zu testen versuchte, wie Country Music beim Publikum ankommt. Nur so konnte es passieren, dass auf der allerersten Country-LP in Deutschland aus dem Jahre 1957 ein Stilleben zu bewundern war bestehend aus einem Bauernstuhl, einem Cowboyhut, einer Gitarre, einem Revolver mit Patronengurt, einem roten Halstuch und einer Schnapsflasche. Und hätte die Platte nicht den Titel „Hillbilly Jamboree“ (Brunswick 86052) getragen, man hätte kaum etwas Vernünftiges auf dieser Platte vermutet, dabei fand man tatsächlich erstklassige Songs von Ernest Tubb, Red Foley, Webb Pierce und Tex Williams. All diese irreführenden Plattencover mit Cowboys am Lagerfeuer, Cowboys hoch zu Ross und Cowboys mit gezogenem Revolver, die alle den Mythos vom Cowboy und dem ach so schönen, romantischen Wilden Westen beschworen, zogen sich wie ein roter Faden durch die Jahrzehnte. Doch so richtig in Fahrt kam das Geschäft mit Country Music in Deutschland nie. Wer wollte sich denn schon mit der Musik von Kuhhirten beschäftigen? Potenzielle Interessenten verprellte man mit diesem Aushängeschild vom Cowboy. Menschen, die einfach mit der Welt der Viehtreiber nichts zu tun haben wollten, aber die sich durchaus für eine virtuose Musik mit realistischen, kritischen und auch stimmungsvollen Texten interessiert hätten, fühlten sich abgestossen.

Und wo steht man heute in Deutschland mit der Country Music? Die deutschen Cowboy Kapellen in ihren Karnevalskostümen und das dazugehörige Publikum in Cowboy-, Trapper- und Kavallerieuniformen wirken auf jeden halbwegs normalen Menschen nach wie vor als Barriere und recht viele amerikanische Mainstreambands, jene aus den Charts, bieten zur Zeit auch selten mehr als zweitklassige Rockmusik. Ein Lichtblick gibt es lediglich bei der unplugged Bluegrass Music und dem akustischen Swing, vorgestellt in Konzertsälen, Theatern und Kleinkunstbühnen. Dort liegt auch der Schlüssel zur Anerkennung als Kulturgut. Vergessen kann man jene Country-Music-Zirkel, in denen nach wie vor behauptet wird, dass mit dem Cowboy alles begonnen hat.

Ob eine Ausstellung über den „Mythos vom Wilden Westen“ kürzlich in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt/M. mehr Aufklärung bringen und am Klischee kratzen konnte, bleibt abzuwarten. Unter dem Motto „I Like America – Fiktionen des Wilden Westens“ waren dort Gemälde, Fotos, Zeichnungen und Filme zu sehen, die sich mit den Legenden und dem Mythos von Indianern und Cowboys auseinandersetzen. Dabei ging es auch um die Western-Filme und die wissenschaftlich aufbereitete Geschichte des Völkermords an der Urbevölkerung Amerikas.

Warten wir es ab, die Hoffnung stirbt zuletzt!

Walter Fuchs