Ruth Ellen Gruber und Walter Fuchs im Pressegespräch

Die gegensätzlichen Meinungen prallten hart aufeinander, als sich am 24.Juli 2007 die bekannte amerikanische Journalistin und Buchautorin Ruth Ellen Gruber (10 Jahre Auslandskorrespondentin für UPI) und Walter Fuchs (Musikjournalist und Buchautor) zu einem Gespräch mit Pressevertretern trafen.

Seit ein paar Jahren schon arbeitet Ruth Ellen Gruber an einem Buch über den „Wildwest Mythos“ in Europa, speziell in Deutschland. Dafür besucht sie Country Musik Veranstaltungen, Karl May Festspiele und Westernstädte. Der Arbeitstitel für ihr aktuelles Projekt lautet deshalb bezeichnenderweise: „Sauerkraut Cowboys, Indian Dreams: The Imaginary Wild West in Contemporary Europe“ an exploration of how Europeans view, use and imagine the American West.

Natürlich gibt es auch in den USA noch heute einen „Wildwest Mythos“, doch im Vergleich mit dem, was man in Europa dazu beobachtet, ist er weit weniger skurril und dramatisch. Ruth Ellen Gruber nennt auch sofort mögliche Ursachen für den ausufernden Mythos in Europa: Karl May, Carl Hagenbeck, Buffalo Bill und die Western Filme, und sie vergisst dabei auch nicht zu erwähnen, wie spannend und interessant ihre Beobachtungen sind, ja, sie empfindet sogar viel Verständnis und Sympathie für das „Cowboy- und Indianerspielen“ der Deutschen. Für eine amerikanische Journalistin, mit einem „Guggenheim Fellowship“ für dieses Projekt und einem „National Endowment for the Humanities Summer Stipend“ eine hochinteressante Aufgabe, bei der man sich auch durchaus in das Studienprojekt und seine Akteure verlieben kann.

Walter Fuchs dagegen sitzt in einem ganz anderen Boot, denn er kämpft seit Jahrzehnten für die Anerkennung der Country Music als amerikanisches Kulturgut mit Wurzeln im Blues und der anglo-keltischen Volksmusik, doch dabei kommt ihm mehr und mehr der Cowboy-Kult und dessen künstlich aufgebaute Beziehung zur ländlichen Musik Amerikas in die Quere. Fuchs wörtlich: „Jeder Mensch kann tun und lassen was er will, solange er nicht gegen geltendes Recht verstösst und andere schädigt, beleidigt etc. Das heisst, er kann sich wenn er will auch als Landsknecht verkleiden oder als Indianer oder als Cowboy. Das Ärgernis für mich als Musikjournalist und Spezialist für Country Music mit einer 35-jährigen Erfahrung vor allem beim deutschen Radio, bei der Deutschen Lufthansa und der Friedrich-Ebert-Stiftung, beginnt genau dort, wo auf breiter Basis der „Wildwest Mythos“ mit der amerikanischen Folkmusic (so hiess die Country Music einmal bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts) in Zusammenhang gebracht wird. Die Ursachen dafür sind hinreichend bekannt, die „Singenden Cowboys“ in den B-Western der 30er und 40er Jahre, die Plattenfirmen, die Country Music als Cowboymusik verkauften, die unzähligen Geschäftemacher, die für ihre Westernveranstaltungen eine entsprechende Stimmungsmusik benötigen und die Country Musiker, die sich als Cowboys verkleiden. Dabei hat der Cowboy so gut wie nichts zur Entstehung und Entwicklung der Country Music beigetragen. Es gibt keinen „Cowboy Stil“ und auch keinen Cowboy unter den herausragenden Stars (Jimmie Rodgers, Hank Williams, Bill Monroe, Lefty Frizzell, Johnny Cash, Tom T.Hall, Merle Haggard, Garth Brooks) und wenn der Cowboy in Country Songs erwähnt wird, dann wird über ihn, den Cowboy, gesungen von professionellen Sängern in durchaus guten und stimmungsvollen Liedern (z.B. von den Sons Of The Pioneers oder Marty Robbins). Im Zusammenhang mit Country Music zu behaupten, wie es viele Fans tun, mit dem Cowboy habe alles begonnen, ist deshalb totaler Quatsch.

Nun ist die Vermischung von Western Mythos und Country Music zwar objektiv falsch, doch ein grosses Unglück müsste es noch nicht sein, wäre da nicht die Abneigung einer breiten Bevölkerungsschicht in Deutschland gegenüber dem ganzen Cowboy- und Western-Rummel mit allen negativen Begleiterscheinungen. Dadurch wird auch die Country Music in den Negativstrudel gerissen, die Menschen haben eine Aversion dagegen, man wagt daher nicht mehr in der Öffentlichkeit sich als Freund dieser Musik zu outen, und die Medien machen, wenn es geht, einen Bogen um das Thema Country Music, mit anderen Worten, der Terminus „Country“ ist negativ besetzt, versaut und kaum noch zu retten. Die längst überfällige kulturelle Anerkennung ist in weite Ferne gerückt und neuere Beobachtungen bestätigen die negativen Auswirkungen dieser unglückseligen Verschmelzung von Western Mythos und Country Music. Es gibt kaum noch spezielle Radio-Sendungen mit guter Country Music, die Plattenfirmen bezeichnen ihre Country-Produkte, falls sie diese überhaupt veröffentlichen, als Folk, Folk-Rock oder Pop und weigern sich zunehmend, Country- Fachzeitschriften mit CDs zu bemustern, Konzertveranstalter verzichten gerne auf das ungeliebte Country-Publikum und verbannen das Wort „Country“ aus ihrer Werbung. Und langsam merkt auch das Country-Publikum selbst, dass es nicht mehr geliebt wird und reibt sich verwundert die Augen.“

Soweit Walter Fuchs im O-Ton.

Trotz aller Meinungsverschiedenheiten blieb die Diskussion zwischen Gruber und Fuchs sachlich. Frau Gruber äusserte Verständnis für die Position von Walter Fuchs, der ja mit knallharten Realitäten zu kämpfen hat, während sie selbst als neutrale Beobachterin die Auswirkungen eines Mythos zu erforschen und zu bewerten hat. Bleibt abzuwarten, ob der Arbeitstitel „Sauerkraut Cowboys“ auch als Buchtitel auftauchen wird, zutreffend wäre er allemal.

(pr)