Trennt sich Dale Watson tatsächlich von der Country Music?

Dale Watson soll kürzlich einer Universitätszeitung in West Lafayette/Indiana gesagt haben: „Es wäre besser, die Bezeichnung „Country“ wegzulassen. Sie sind nun die Eigentümer und man kann es nicht mehr ändern. Sie haben „Country“ gestohlen.“ Was wollte uns der Mann damit sagen? Mit „sie“ hat er wohl die Country Music Association (CMA), die Musikindustrie in Nashville und die grossen Country Radio Stationen gemeint. In Deutschland hat es daraufhin sofort eine heftige Diskussion darüber gegeben, wie ein Künstler, dessen Honky Tonk Musik man mit Fug und Recht als moderne „Hard Core Country Music“ bezeichnen kann, sich unter dem Label „Country“ unwohl fühlen kann und dieser Musik wohl gar den Rücken kehren will. Nun, vom Verlassen der Szene oder der Hinwendung an eine andere Musikrichtung kann wahrlich nicht die Rede sein. Nur, der Mann fühlt sich schlicht und ergreifend in schlechter Gesellschaft. Die Masse der jüngeren Künstler, die von der Industrie, der CMA und den Radio Stationen in eine musikalische Richtung gelockt werden, die zwar für alle mehr Profit zu versprechen scheint, die aber mit den herkömmlichen Qualitäten der Country Music nur noch wenig oder überhaupt nichts mehr zu tun hat. Dale Watson geht folgerichtig auf Distanz zur Bezeichnung „Country“ und wünscht sich für das „Echte“, für das, für was er und viele seiner Kollegen stehen, einen neuen Namen. Er schlägt vor „Ameripolitan“, ein Wort, das nicht so leicht über die Lippen geht und mit ziemlicher Sicherheit kaum akzeptiert werden wird. Dafür ist „Country“ seit Jahrzehnten viel zu etabliert, ob nun mit positiven oder negativen Vorzeichen.

Versuche, eine verbindliche und von allen akzeptierte Bezeichnung für die volkstümliche Musik der USA zu finden, hat es ja immer wieder gegeben. Wie hat es denn angefangen? Ganz früh, zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Bezeichnungen wie „Old Familiar Tunes“ oder „Old Time Music“. Etwas später einigte man sich, schwarze und weisse Folklore zusammenfassend, auf „Folk Music“ oder „Folksongs“, dann wurde die nicht ganz glückliche Bezeichnung „Hillbilly“ für die weisse Abteilung der Folksongs populär und als sich schliesslich die Hillbilly Stars diskriminiert fühlten in aller Öffentlichkeit als „Hinterwäldler“ bezeichnet zu werden, wurde von der Industrie die Bezeichnung „Country & Western“ eingeführt. Doch als man dann irgendwann überrascht feststellte, dass in den Western-Filmen überhaupt keine Songs mehr gesungen wurden, es also gar keine Western Musik mehr gab, strich man den Namen zusammen und heraus kam kurz und bündig „Country“.

Seither waren immer wieder, verursacht durch periodisch aufkeimende starke Kommerzimpulse, von einzelnen Musikern wie auch Musikergruppen Versuche unternommen worden, sich vom mehr oder weniger verwässerten kommerziellen Mainstream der Country Music abzugrenzen. Da gab und gibt es die Bezeichnungen Singer/Songwriter, Outlaws, Town & Country, New Country, Country Rock, Young Country, New Traditionalists, Roots Country oder seit einigen Jahren gibt es die Sammelbezeichnung “Americana” für alle Arten von Roots Musik, ob weiss oder schwarz. Dwight Yoakam hat sogar einmal versucht, zu Beginn seiner Karriere Mitte der 80er Jahre den Namen „Hillbilly“ wieder populär zu machen.

Für Deutschland wäre es ein besonderer Segen von dem mit schweren Klischees belasteten Wort „Country“ loszukommen. Aber das wird wohl kaum gelingen.

Und nun werde ich mal ganz persönlich. Ich erinnere mich noch gut, als die CMA zusammen mit einem Teil der deutschen Schallplattenindustrie in den 90er Jahren versucht hatte, der Country Music in Deutschland endlich zum Durchbruch zu verhelfen. Die grösste Crux dabei war der belastete Name „Country“. Zwei neue Labels waren rasch gefunden: „New American Music“ und „Nashville Music“. Das führte dann soweit, dass mir als Moderator des 1. Stuttgarter Nashville Music-Festival am 11. November 1994 (mit Laurie Lewis & Grant Street, Run C&W, Sweethearts Of The Rodeo, Collin Raye & Band und Emmylou Harris and The Nash Ramblers) verboten wurde, auf der Bühne das Wort „Country“ auszusprechen. Das Festival war ein voller Erfolg, dennoch, nach schweren Turbulenzen sah ich mich tags darauf gezwungen, meine weitere Mitarbeit an diesem Festival in der Stuttgarter Schleyer Halle aufzukündigen. Ein Jahr später, 1995, gab es eine weitere Folge dieses Events, doch das Interesse der Fans hatte offensichtlich so stark abgenommen, dass man das Stuttgarter Nashville Music- Festival nicht mehr weiterführte. Inzwischen sind die Bezeichnungen „New American Music“ und „Nashville Music“ vergessen bezw. Synonyme für Flops. Auch hier hat die Belastung der Bezeichnung „Country“, verursacht durch die „Cowboy-Fraktion“, zu Experimenten geführt, die tiefe Spuren und Wunden hinterlassen haben.

Wie wird es weitergehen? Von dem Markenzeichen „Country“ wird man kaum loskommen. Man wird versuchen müssen, in mühsamer Kleinarbeit das Image der Country Music zu verbessern. Dies gelingt am Besten mit Hilfe der auch in den USA hochangesehenen Bluegrass Music, mit der man auf Bühnen, auf denen man mit der üblichen billigen Mainstream Country Music kaum Chancen hätte, Erfolge feiern kann, zusammen mit einer ganz neuen Klientel.

Dale Watson selbst wird mit Sicherheit an seiner grossartigen Musik festhalten und gleichgültig wie er sie nun nennen wird, sie wird Country Music bleiben, und er ist auch jung genug, um noch die eine oder andere Rückbesinnung der Industrie auf die alten Werte zu erleben.

Walter Fuchs