Die Country Musiker und ihre „Klamotten“

Was hat Musik mit der Kleidung der Musiker zu tun? Grundsätzlich einmal überhaupt nichts. Auch die Wiener oder die Essener Philharmoniker kommen zu den Proben in sportlicher Kleidung und erbringen dabei Höchstleistungen. Im Bereich der E-Musik erwartet man allerdings auch heute noch bei den öffentlichen Aufführungen ein ordentlich gekleidetes Publikum und bei den Musikern ist es noch immer Vorschrift, am Vormittag und Nachmittag dunkler Anzug und am Abend Frack. Dies trägt zur feierlichen Stimmung bei, unterstreicht den Respekt vor der Musik und das ist auch gut so.

Durch Berichte aus den USA, die „Kleiderordnung“ bezw. die Mode der Country Musiker habe sich in jüngster Zeit drastisch verändert, kommen auch in Deutschland Diskussionen auf. Nachdem man anstatt des häufigen sogenannten „Cowboyoutfits“ mit Hemd, Jeans, Stiefel und Hut, immer häufiger Tanktops trägt und dabei die Tatowierungen immer sichtbarer werden, fürchtet man gar um die Qualität bezw. die Existenz der Country Music. Was für ein Quatsch. Die Authentizität und die Qualität der Country Music hing zu keiner Zeit von der Kleidung der Akteure ab und da der Cowboy ohnehin nichts oder kaum etwas mit der Entstehung und Entwicklung dieser Musik zu tun hat, hätte man jederzeit auf dessen Kleidermode verzichten können.

Wie hat es denn begonnen? Country Music, eine Hybride aus schwarzem Blues und anglo-keltischer Folklore wurde von den Arbeitern, den Farmern, den Habenichtsen, dem „Poor White Trash“ praktiziert und dies in recht schäbiger Kleidung, denn mehr als die Arbeitskleidung hatte man selten. Als dann 1925, um nur ein Beispiel zu nennen, der Sender WSM in Nashville für seine Barndance Shows ländliche Musiker suchte, da war das für die Auserwählten wie ein Kirchgang oder eine Hochzeit. Wer keinen dunklen Anzug, kein weisses Hemd und keine Krawatte hatte, der ging zum Kostümverleih. Und so sassen die Landpomeranzen dann auch feierlich auf der Bühne des WSM Barndance und später der WSM Grand Ole Opry und spielten ihre Breakdowns und Hoedowns, sangen ihre Blues und ihre Balladen. Erst langsam nach den ersten Erfolgen wuchs das Selbstbewusstsein der Akteure und man erschien eher hemdsärmelig in Arbeitskleidung, in Latzhosen und Overalls, so als käme man direkt vom Acker.

Dann entdeckte Hollywood 1930 den singenden Cowboy und produzierte am Fliessband die sogenannten B-Western, die als wichtiges Werbevehikel für die Schallplatten der „Lavendel Cowboys“ dienten und deren Kleidung dann auch zum Vorbild vieler Country Sänger in Nashville und Los Angeles wurde. Während die Musiker aus Texas, Arizona oder New Mexico sich nicht umstellen mussten, denn dort gehört der Stetson und der Cowboystiefel ohnehin zur Alltagskleidung, ging die Entwicklung in den Country Music Zentren dennoch recht langsam voran. Roy Acuff spielte bis in die 50er Jahre an der Opry mit seiner Band in urigen Farmhand-Monturen, nur Brother Oswald trug bis zum Schluss seine Latzhosen. Und auch Sam and Kirk McGee oder die Delmore Brothers blieben kleidungsmässig immer die Jungs vom Land. Erst ab den frühen 40er Jahren machte sich auch in Nashville ein mehr oder weniger starker Cowboy-Touch bemerkbar. Bands traten in uniformierter Cowboykleidung mit Stiefeln auf. Ganz extrem wurde es nach dem 2. Weltkrieg. Ein gewisser Nudie Cohn, geboren 1902 in Kiew, hatte sich in Los Angeles als Schneider für Western Kleidung niedergelassen und sich ab Anfang der 30er Jahre einen guten Ruf in der Branche erworben. Doch ab 1947 arbeitete „Nudie“, wie er sich kurz nannte, mit den bunten Glitzersteinen, den „Rhinestones“, und sehr rasch lief fast jeder Country Star der etwas auf sich hielt in diesen funkelnden Fantasieanzügen durch die Gegend. Diese Mode war von Los Angeles, bezw. Hollywood, ausgegangen, von Künstlern wie Spade Cooley, Cliffie Stone, Tex Williams und Roy Rogers und hatte auch sehr rasch Nashville erobert. Dort waren es vor allem Stars wie Porter Wagoner, Webb Pierce, Bill Anderson und Hank Snow, die durch ihre schweren Brokatanzüge mit dem Rhinestonebesatz auffielen. Der Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt, Hank Snow z.B. trug auf seinen Anzügen oft ganze Schmetterlingssammlungen oder Blumengärten zur Schau. Dass die Träger dieser Kleidung manchmal reichlich tuntenhaft wie der berühmte Liberace wirkten, tat der Musik allerdings keinen Abbruch, denn immer dann, wenn die Integrität der Country Music in Gefahr geriet, waren dafür rein kommerzielle Gründe verantwortlich. Die Kleidung spielte dabei nur die Rolle eines Werbevehikels, um ein bestimmtes Publikum zu beeindrucken. Übrigens, Nudie arbeitete nicht nur für Country Grössen, sondern auch für Stars aus dem Rock ‚n’ Roll Bereich, zum Beispiel für Elvis Presley.

Neben den „Rhinestone Cowboys“ gab es natürlich auch eine ganze Reihe Künstler, die kleidungsmässig ihre eigene Linie, ihren eigenen Stil, verfolgt hatten, allen voran Johnny Cash mit seiner Vorliebe für Schwarz oder George Hamilton IV, der in seinem Sakko und seinen gebügelten Jeans immer aussah wie ein braver College Student.

Richtiges Leben kam in die Szene, als sich Country Sänger wie Willie Nelson oder Waylon Jennings in den 70er Jahren die Haare lang wachsen liessen und die Kleidung eher an Hippies erinnerte. Dies resultierte jedoch bei den sogenannten „Outlaws“ aus der Protesthaltung gegenüber der Musikindustrie in Nashville. 1980 bekam die Szene, vor allem in den Großstädten, durch den Film „Urban Cowboy“ erneut einen kurzen, aber starken Cowboy Impuls, doch als Anfang der 80er Jahre dann die sogenannten „Neo-Traditionalisten“ Fuss fassen konnten, da normalisierte sich im Grossen und Ganzen die Kleiderordnung. Erinnert sei an Ricky Skaggs, Randy Travis oder George Strait, der allerdings einen Cowboy Hut trug und damit auch Vorbild wurde für viele andere Hutträger, die man in der Branche kurz „Hat Acts“ nannte. Auch der Superstar der 90er Jahre, Garth Brooks, trug fast immer einen Hut, dazu bunte Hemden, die kaum noch an die Cowboy-Mode der 40er oder 50er Jahre erinnerten. Geblieben ist von all dem Zauber heutzutage nur noch der Hut, der Rest der Kleidung besteht aus ganz normalen „Klamotten“, einschliesslich der Jeans, mit starkem Trend zu den Tanktops.

Bei den Country Damen verlief die Entwicklung nicht ganz so dramatisch ab wie bei den Männern. Zum Beispiel trugen die Frauen der Carter Family immer ihre der Zeit entsprechende altmodische Kleidung. Weite Röcke waren „in“, Jeans verpönt. Zwar gab es in den 30er und 40er Jahren ein paar „Cowgirls“, doch die gehörten zu den Exoten. In der weiteren Entwicklung dominierte meist die ganz normale Damenmode, ganz gleich ob es um Kleider, Hosen oder Frisuren ging.

Eine gewisse Ausnahme bilden bis heute nach wie vor die Männer der Bluegrass Music. Sie hatten sich, Bill Monroe sei es gedankt, meist mit normalen Anzügen ausstaffiert, dazu eine Krawatte und ab und zu auch Boots oder ein Stetson, wie Bill Monroe. Apropos, Bill Monroe, da Bill Monroe aus dem Bluegrass State Kentucky kam, mit dessen Rennpferdtradition, trat er in den 40er Jahren mit seiner Band, den Bluegrass Boys, in Breeches (klassische Reithosen) mit Reitstiefeln auf. Nur ganz wenige Bands, zum Beispiel die Osborne Brothers, hatten zeitweise die Rhinestone-Mode mitgemacht. Die Bluegrass Damen, die ab Ende der 70er Jahre in die Szene vordrangen, kleiden sich ohnehin nach ihrem eigenen Gusto, siehe Rhonda Vincent, Alison Krauss, Claire Lynch oder Valerie Smith.

Was lernt man aus alledem? Die Kleidung der Musiker unterliegt einer Mode, dem Zeitgeist, sowie einer persönlichen Lebenseinstellung. Dazu kommt gerade in jüngerer Zeit ein ausgeprägtes kommerzielles Denken, wenn zum Beispiel Stars wie Tim McGraw, Faith Hill, Keith Urban oder Carrie Underwood sich modischer kleiden, um beim Publikum ihrer Crossover-Hits nicht unangenehm aufzufallen, sich sozusagen anbiedern. Aus der veränderten, angepassten Musik, man will ja mit aller Gewalt in die Popcharts, resultiert eine Korrektur der Kleidung. Dennoch, die Abkehr vom „Cowboyskostüm“ ist, aus welchen Gründen auch immer, zu begrüssen. Dass dies erst über eine Verflachung der Musik passiert, ist zu bedauern.

Fazit: Bei Rückschlüssen vom Outfit eines Musikers auf dessen Musik, ist immer grösste Vorsicht angebracht. Klischees lauern überall.

Walter Fuchs