Bluegrass-Szene Deutschland

Im Gegensatz zum Jazz ist die Country Music und damit auch die Bluegrass Music relativ spät in Deutschland bekannt geworden. Erst mit dem Aufbau des „American Forces Network“ (AFN) nach dem Ende des 2. Weltkriegs drang die ländliche Musik Amerikas auch an deutsche Ohren. Dabei hatte diese Saiten-Musik aus dem Südosten der USA nun wahrlich einen schweren Stand gegenüber dem Big Band Sound, der damals aus den Radios dröhnte. Schliesslich standen in jenen Jahren die Bands von Duke Ellington, Count Basie, Billy May, Ray Anthony und Glenn Miller auf dem Höhepunkt ihrer Popularität und die gitarrenlastige Musik eines Elvis Presley oder der Beatles lag noch in weiter Ferne. Nein, wer sich in den 40er und frühen 50er Jahren spontan für die Country Music bezw. die Hillbilly Music, wie sie damals noch genannt wurde, entschied, der galt meist nicht als Individualist sondern viel eher als geistig gestört.

Die Mainstream-Countrymusic klang zu jener Zeit, im Gegensatz zu heute, noch recht urwüchsig mit Stars wie Roy Acuff, Hank Williams oder Hank Snow. Doch die noch authentischere Bluegrass Music mit ihrer starken anglo-keltischen Wurzel und den Einflüssen des Blues war in den täglichen AFN-Countrymusic-Sendungen nur etwa zu 10% berücksichtigt. Zu hören waren vor allem Bill Monroe, Lester Flatt & Earl Scruggs, Don Reno & Red Smiley, die Osborne Brothers und die Stanley Brothers.

Zum besseren Verständnis der damaligen Situation sollte erwähnt werden, dass es in den USA seinerzeit ja noch die allgemeine Wehrpflicht gab, das Militär war damit ein Spiegelbild der Gesellschaft und AFN hatte alle Schichten und Interessen zu bedienen, die Afro-Amerikaner (Negro Spirituals), die Hawaiianer (Hawaii Calls), die Jazzfreunde (Strictly From Dixie), die Christen (Hymns For Everyone – Hymns From Home) und eben die heimwehkranken Jungs vom Land, die oft zum ersten Mal fern der Heimat waren und die man mit Country Sendungen wie „Hillbilly Gasthaus“ bei Stimmung halten wollte. Dass man dabei deutsche Zaungäste hatte, die sich sogar mit Wunschtiteln an den Sendungen aktiv beteiligten, schien den Amerikanern willkommen zu sein.

Ab Mitte der 50er Jahre tauchten dann auch die ersten deutschen Country Musiker auf, z.B. Frank Baum, Chuck Herrmann oder Armin Edgar Schaible alias Eddie Wilson, um nur ein paar Namen zu nennen.

Speziell mit Bluegrass Music tat man sich allerdings in Deutschland, und überhaupt in Europa, relativ schwer. Nach den grossen Erfolgen der American Folk Blues Festivals wagte das Konzert-Büro Lippmann & Rau vom 1.3. bis 20.3. 1966 das Festival of American Folk & Country Music. Geboten wurde ein repräsentativer Querschnitt durch die weisse amerikanische Folklore, von Old Time Music über Cajun bis hin zu Bluegrass. Die Tour ging quer durch Europa, von Hamburg über Genf, Köln, London, Stockholm, Kopenhagen, Berlin, München bis nach Basel. Das SWF-Fernsehen drehte in Baden-Baden vor stilvoller Studiokulisse mit Chefkameramann Michael Ballhaus eine fantastische Dokumentation, doch der Erfolg schien, zumindest in Deutschland, nicht gerade überwältigend gewesen zu sein, denn diese Tournee blieb eine Eintagsfliege. Dabei waren die weissen Akteure genau so authentisch wie ihre schwarzen Kollegen von den Folk Blues Festivals. Cousin Emmy und Roscoe Holcomb waren typische Vertreter der Old Time Music, Cyp Landreneau kam mit seiner Band aus den Bayous von Louisiana und die Stanley Brothers mit ihren Clynch Mountain Boys aus den Bergen von Virginia. Doch speziell in Deutschland traf diese Musik auf ein völlig unvorbereitetes Publikum und die Presse artikulierte reichliches Unverständnis. „Musik zum fröhlichen Bohnenverlesen“ konnte man da lesen, als hätten die Afro-Amerikaner zum Baumwollpflücken nicht auch ihre Songs gesungen. Und der „Spiegel“ betitelte seinen damaligen Festivalbericht „Die Kuh kalbt“. Nein, mit solchen Überschriften und Bemerkungen konnte man der weissen amerikanischen Folklore keine kulturelle Anerkennung in Deutschland verschaffen.

Dennoch, durch die AFN-Sendungen schien doch zumindest der Bluegrass-Sound als lebendiger Ausdruck amerikanischer Folklore ins Bewusstsein einiger Menschen in Europa gedrungen zu sein. Es gab plötzlich kleine Country Clubs und Vereine, über die man an die Mail-Order-Adressen in den USA kam, wo man Platten der Firma Starday, die sich auf Bluegrass spezialisiert hatte, bestellen konnte. Bald gab es auch private deutsche Importeure, die den Interessenten den Kauf erleichterten.

Doch mit dem Musizieren tat man sich in Europa, bezw. in Deutschland noch schwerer als mit dem Hören. Eine der ersten, wahrscheinlich sogar die erste europäische Bluegrass Band von professionellem Format, kam aus Österreich, aus Wien. Sie nannte sich „Bluegrass Specials“ und ihre erste LP erschien 1970 auf dem Roots Label. Die wahrscheinlich erst deutsche Bluegrass-Formation, „Country’Vival Ltd.“ aus Hamburg tauchte 1972 auf mit Skiffle und Bluegrass. Mitte der 70er Jahre kam „Bluegrass Express“, mit dabei zwei Musiker, die im Laufe der Jahrzehnte die deutsche Bluegrass-Szene mitprägen sollten, die Brüder Ulrich Sieker (Gesang, Mandoline, Fiddle) und Rolf Sieker (Banjo). Die Gruppe „Edison Way“ experimentierte ebenfalls Mitte der 70er Jahre mit einer Mischung aus Folk und Bluegrass und in den 80er Jahren fiel sehr angenehm eine Band aus Regensburg auf, die Gruppe „Chambergrass“, eine Formation um den Sänger und Banjospieler Rudi Beer, die astreine Bluegrass Music mit bayrischen Texten präsentierte. Das klang so überzeugend, dass man völlig vergass, ob da nun in Englisch oder Bayerisch gesungen wurde. Aus John Prine’s „Please, Don’t Bury Me“ wurde „Grobts Mi Ned Ei“ und aus „Donald and Lydia“ wurde „Werner und Hilde“. Im Verlauf der 80er Jahre verwandelte sich die ursprünglich holländische Band „Groundspeed“ in eine deutsche Gruppe und der Banjospieler Rüdiger Helbig startete in München mit seiner Band „Kentucky Bluefield“. Ebenfalls aus München kam die Gruppe „Main Spring“. Eine der beständigsten deutschen Bluegrass Bands, „Sacred Sounds Of Grass“, mit den Brüdern Thilo und Sam Hain, begann 1979 mit Bluegrass Gospel Music, hat inzwischen längst auch weltliches Tongut im Repertoire und wird auch heute noch bei den Festivals stürmisch gefeiert.

Weitere Gruppen, die vor allem im Süd- und Südwestdeutschen Raum bekannt wurden sind bezw. waren „Main Spring“, „Helmut & The Hillbillies“, „Rawhide“, „Blue Side Of Town“, „Shady Mix“ und seit 1998 auch die Band „Night Run“, die mit zum Besten zählt, was die deutsche Bluegrass Szene zur Zeit zu bieten hat.

Wo es Bands gibt, da muss zwangsläufig auch eine Szene existieren, mit Fans und Festivals. Das wohl älteste deutsche Country Music Festival, das auch immer wieder Bluegrass Music präsentierte, war Anfang der 60er Jahre in Neusüdende bei Oldenburg durch Reinhard Pietsch und ein paar andere Enthusiasten ins Leben gerufen worden und hatte im Verlauf der Jahrzehnte Top Stars wie Bill Monroe und die Osborne Brothers angelockt. Leider ist dieses Festival in seiner bisherigen Form, seit Mitte der 80er Jahre unter der bewährten Leitung von Klaus Grotelüschen, 2006 zum letzten Mal abgehalten worden.

Ein weiteres gemischtes Country & Bluegrass - Festival wird seit 24 Jahren in Kötz bei Günzburg veranstaltet. Das einzige jährliche auf Bluegrass spezialisierte Festival existierte von 1986 bis 2001 in Güglingen bei Heilbronn unter der fachkundigen Leitung von Karl Heinz Siber und Anneli Baumann. Leider musste dieses Festival trotz guten Zuspruchs aus organisatorischen Gründen eingestellt werden, sodass Deutschland im Jahre 2002 ohne Bluegrass Festival auskommen musste. Doch dies bedeutete keineswegs das Ende der deutschen Bluegrass Szene, im Gegenteil, es sollte mit viel Elan und Erfolg weitergehen.

Zuvor jedoch ein kurzer Blick auf das Publikum, sein Verhalten und seine Eigenheiten. Die erste Generation deutscher Fans, die über AFN mit dem Country-Virus infiziert wurden, waren in den 40er und 50er Jahren eine relativ kleine Gruppe, die, soweit es möglich war, Schallplatten sammelte und sich intensiv über die Geschichte der Country Music informierte, so, wie es auch bei den Freunden des Jazz üblich war. Dies ging so lange, wie die Country Music noch einigermassen ihre Identität bewahrt hatte, noch nicht so extrem vom Kommerz unterwandert war und die Liebhaber dieser Musikgattung primär am Musikhören interessiert waren. Dass die Country Music aufgrund diverser Klischees wie Cowboy Musik und Lagerfeuerromantik belächelt, nicht ernst genommen, ja, sogar angefeindet wurde und keine kulturelle Anerkennung fand, war zwar ein Ärgernis, doch die Fans hatten sich daran gewöhnt. Schlimm wurde es erst, als das „Cowboy Image“ von immer mehr Freaks als Realität wahrgenommen wurde und sie in der Cowboy- Trapper- und Soldatenkostümierung ihre Chance sahen, dem tristen Alltag zu entfliehen und für Stunden oder auch Tage ein „alter ego“ pflegen konnten. Als dann mehr und mehr „Kostümierte“ bei den Country Veranstaltungen auftauchten, schien für viele der Beweis erbracht zu sein, Country Music ist tatsächlich „Wildwest Musik“, wie man immer vermutet hatte. Verstärkt wurde dieser Trend noch ab Ende der 70er Jahre durch das Auftauchen kostümierter Cowboy Kapellen wie etwa Truck Stop. Es folgten die Saloons und die Western-Städte und man musste endgültig um das Kulturgut „Country Music“ bangen.

Doch die Hilfe nahte. Im Grossraum Baden-Baden hatten ab Ende der 90er Jahre Experten entdeckt, wie ein seriöses Hotelpublikum auf Bluegrass Music reagierte, nämlich äusserst positiv. Es wurde klar, Bluegrass Music musste in die Konzertsäle und Theater. Auch auf einer Kleinkunstbühne in Bühl/Baden machte man positive Erfahrungen mit dieser Musik und damit war Dank einer Initiative der Bühler Stadtverwaltung der Weg frei für das 1. Internationale Bühler Bluegrass Festival, das 2003 mit 480 Besuchern aus ganz Europa begonnen hatte und nun im Jahre 2007 bei 780 Besuchern steht, einem Publikum, das Musik hören will in einem akustisch einwandfreien Ambiente.

Hoch oben im Norden, in Neusüdende beim alljährlichen Pfingstfestival, war man längst mit dem „Saloon-Betrieb“ und dem Publikum unzufrieden geworden. Ein harter Kern wollte zwar immer noch die Musik geniessen, doch die Kneipenatmosphäre, verursacht durch den Getränkekonsum, verdarb jeglichen Musikgenuss. Klaus Grotelüschen, er hatte schon seit Jahren die Lust an der Organisation dieses Festivals verloren, musste handeln. Er wollte zwar seine treuen Kunden nicht enttäuschen, andererseits gab es für Neusüdende keine Zukunftsperspektiven mehr, jedenfalls nicht in einem Landgasthof auf der „Grünen Wiese“. Grotelüschen erklärte 2006 seinen Rücktritt und damit das Ende des Festivals. Die Fans trauerten, doch da nahte Monate später die Rettung. Das Oldenburgische Staatstheater hatte gerade einen neuen, jungen Intendanten bekommen, dazu kamen einflussreiche Freunde und das positive Beispiel von Bühl, wo man sich durch ein akustisch einwandfreies Konzerthaus und Top-Interpreten ein ganz neues Publikum erschlossen hatte.. Warum also nicht eine der amerikanischen Gruppen, die in Bühl war, am nächsten Tag in Oldenburg auftreten lassen? Rasch traten die Pessimisten auf den Plan: das wird doch nichts, kein „Cowboy“ betritt das Staatstheater. Aber genau auf die wollte Klaus Grotelüschen ja gerne verzichten. Bluegrass Music braucht ein neues Publikum, so wie in Bühl, hiess die Devise. Und was in Bühl gelungen war, das müsste in Oldenburg auch möglich sein. Gesagt, getan! Mit 250 Besuchern wäre man in Oldenburg für den Anfang zufrieden gewesen. Doch zur grossen Freude und Überraschung schaffte man trotz minimalster Werbung, bei Verweigerung fast der gesamten Fachpresse, doch mit Hilfe der Bühler Freunde, 450 Besucher! Die Sensation war perfekt.

Was lernen wir daraus? Aufbauend auf den treuen Freunden von früher, muss man für Bluegrass Music und unplugged Country Music ein neues Publikum erschliessen. In Bühl geht man neuerdings mit Bluegrass Bands sogar in die Schulen.

Nur so kann eine kulturelle Basis und Anerkennung für Bluegrass Music und die gesamte seriöse amerikanische Folklore geschaffen werden.

Walter Fuchs