Ein Bluegrass Festival in Willisau/Schweiz – oder war es in´
Maces Spring/Virginia?

Man fährt auf der Autobahn N2 nach Süden in Richtung Luzern, nimmt die Ausfahrt Dagmersellen und nach 10 Minuten ist man in Willisau. Warum ausgerechnet Willisau? Nun, weil am 12. Mai 2007 um 13.30 Uhr das „8. Spring Bluegrass Festival Willisau“ beginnt. Doch Willisau, ein kleiner Ort mit etwa 7.000 Einwohnern, hat nur den Namen für dieses Ereignis hergegeben, weil dort, in Willisau, der örtliche Bluegrass-Club seinen Sitz hat. Das Festival selbst findet seit 2 Jahren in der viel kleineren Nachbargemeinde Alberswil, etwa 550 Einwohner, im dortigen Schweizerischen Landwirtschaftsmuseum Burgrain statt. Der Wahlspruch der Alberswiler scheint zu sein: „Mer läbid of em Land“, dies erkennt man auch schon von weitem. Wir sind im „Cow Country“ und fragen uns, sind wir in der Schweiz oder in Maces Spring/Virginia, der Heimat der Carter Family? Geparkt wird auf einer an diesem Tag kuhfreien riesigen Wiese. Gut dass es nicht regnet. Durch die ausgiebigen Hinterlassenschaften der Herden stapfen wir vorsichtig auf ein grosses Scheunenareal neben einem herrschaftlichen Wohngebäude zu und wissen sofort beim Anblick der alten Traktoren, Mäher und Heuwagen, hier sind wir richtig. Es herrscht eine einmalige Atmosphäre, denn genau in solchen Scheunen und Schuppen wurden in Kentucky, Tennessee oder Virginia einst an den Wochenenden die „Barn Dances“ abgehalten, jene urigen Musik- und Tanzveranstaltungen der örtlichen Landbevölkerung.

Durch mehrere kleinere Räume hindurch erreicht man die eigentliche Scheune, in der die Musik spielt und in der, durch zahlreiche Ritzen und Spalte verursacht, der Wind pfeifen kann. Immerhin befindet man sich auf etwa 500 m Höhe, da kann man bei kühlem Wetter oder am Abend schon mal eine wärmende Decke vertragen, wie man sie von langen Flugreisen her kennt und die man während der Veranstaltung auch kaufen kann. Der erfahrene Willisau-Reisende bringt ohnehin seine Daunenjacke mit, denn er weiss, die Scheune kann nicht beheizt werden.

Bluegrass Family

Fünf Bands treten an. Die Schweiz wird repräsentiert durch die bekannte Bluegrass Family, aus Finnland waren Jussi Syren & The Groundbreakers angereist, Andy Owens, der Amerikaner, hatte die tschechische Gruppe Druha Trava mitgebracht und aus den USA waren Dan Paisley & Southern Grass sowie die Wilders gekommen. Dass die Wilders dabei wie eine Urgewalt in das Festival einbrachen, braucht man denjenigen, die diese Naturtalente aus Kansas City/Missouri erlebt haben, nicht mehr erläutern. Da wird Virtuosität gepaart mit urigem Showtalent, wobei die Show nie aufgesetzt wirkt, nein, denn ein Besuch in der Garderobe dieser Gruppe überzeugt jeden: die sind ja immer so, nicht nur auf der Bühne. Einfach unglaublich.

Während einer Pause am Nachmittag ein kleines Sonnenbad im Windschutz eines Zelts. Ein dunkel gekleideter Herr, er wirkt wie ein Landpfarrer, setzt sich neben mich. Der Gottesmann verwickelt mich in ein Gespräch, um nach 10 Minuten zu vermuten, ich könne doch nur der frühere Country Moderator von SWF 3 sein, dessen Radiosendungen er in den 70er und 80er Jahren immer gehört habe. Bingo! Ich muss ihm ein längeres Interview geben, denn der vermeintliche Prediger entpuppt sich als Redakteur der Neuen Luzerner Zeitung und Zentralschweiz Online.


Dan Paisley & Southern Grass

Gegen Ende des Nachmittagsblocks, etwa um 18.00 Uhr, passiert das, wovor sich jeder Veranstalter fürchtet wie der Teufel vor dem Weihwasser. Es gibt kleine Probleme mit der PA. Die Netzspannung ist abgesackt, weil jetzt überall die Kühe elektrisch gemolken werden, doch das gäbe sich wieder bis zu Beginn des Abendprogramms. Man hat Vertrauen in die Melker. Weniger Vertrauen zu mir hat das Prachtexemplar einer Kuh, die mich während eines kleinen Sektempfangs durchs Fenster beobachtet. Ihr Interesse für mich ist eindeutig, ihr treuer Blick geht mir durch und durch, sie scheint zu sagen: „Here’s looking at you, kid!“ Doch dann schüttelt sie abrupt und heftig ihren gehörnten Kopf, dreht sich um und läuft in panischer Angst davon. Es sollte nicht sein, Baby, ich werde dich trotzdem nie vergessen.

Das Abendprogramm verläuft so stimmungsvoll wie der Nachmittag, die Bands laufen zu Höchstform auf und dazwischen immer wieder interessante Gespräche mit den Schweizer Freunden, den Vertretern der SBMA und der EBMA. Wir werden sicherlich in der Zukunft noch enger zusammenarbeiten als bisher.

Weit nach Mitternacht erreichen wir das Hotel „Löwen“, in Dagmersellen. Die Bar hat noch geöffnet, der Geschäftsführer, Herr Kristan, setzt sich zu uns, wir unterhalten uns angeregt bis in die frühen Morgenstunden über Gott und die Welt, über die Schweizer, die Deutschen, die Elsässer und die Amerikaner und lassen uns das süffige eidgenössische Eichhof Bier schmecken.

Am nächsten Morgen beim Frühstück sind wir uns einig: Irgendwann werden wir wieder auf der N2 bei Dagmersellen die Autobahn verlassen.

Walter Fuchs