Vom Mythos des „Wilden Westens“

„Uns’re Herzen schlagen für den wilden Westen“, so sang 1998 mal eine deutsche Cowboy Kapelle. Unglaublich dieser Gefühlsausbruch , wenn man weiss, was sich in jener Ära des sogenannten „Wilden Westens“ in Nordamerika abgespielt hat. Da wurden die Büffel zum Jagdvergnügen der Ostküsten- Millionäre fast ausgerottet, Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung und Verträge mit den Indianern wurden gebrochen. Diese bedauernswerten Menschen wurden in meist unwirtliche Reservate, die „Bad Lands“, gedrängt und mussten dabei noch froh sein, wenn sie mit dem Leben davon kamen.

In den USA wurde der Mythos vom „Wilden Westen“ schon sehr früh von vielen Magazinen und Zeitungen, allen voran „Harper’s Weekly“, gefördert. Der Cowboy wurde zum Helden hochstilisiert und der gesamte „Wilde Westen“ romantisiert.

In Deutschland setzte etwa ab 1825 eine Welle der Begeisterung für den amerikanischen „Wilden Westen“ und dessen Klischees von Gut und Böse ein. Die Quellen dafür waren Coopers „Lederstrumpf – Erzählungen“ und danach Karl May mit seinen „Winnetou – Romanen“, die in Deutschland zu echten Rennern wurden. Ähnlich wirklichkeitsfremd waren später die Shows des Tierhändlers Carl Hagenbeck, der einem begeisterten Publikum im Rahmen seiner Völkerschauen Indianer und exotische Tiere präsentierte. Allein im Jahre 1910 besuchten über eine Million Zuschauer den Hagenbeck-Tierpark in Hamburg, um dort einen Sioux-Indianer zu besichtigen. Unter dieser „Wildwest-Euphorie“ leidet Deutschland und damit die gesamte Country Music Szene noch immer. Denn die in Deutschland weit verbreitete Verklärung des „Wilden Westens“ mit seinen Trappern, Indianern und Cowboys und die daraus aus Unwissenheit und vielleicht auch aus Dummheit hergestellte Verknüpfung mit der Country Music, haben immer wieder zu Irritationen geführt. Country Music ist keine Wildwest-Musik und wenn in den Texten der Country Songs auf die Pionierzeit der USA Bezug genommen wird, dann in sehr realistischer Weise. Wo ist sie denn, die „Wildwest-Romantik“? Etwa in den Songs von Johnny Cash „Apache Tears“ oder „Old Apache Squaw“, in denen er über das furchtbare Schicksal der Indianer singt? Und wo ist die Romantik in dem hochaktuellen Song „Who’s Gonna Build Your Wall?“, in dem Tom Russell die über 800 Meilen lange geplante Mauer zwischen Mexiko und den USA anprangert? Country Music ist eine unmittelbare Reflexion des Alltags und da ist kaum Platz für Romantik, zumindest nicht bei jener „Unterschicht“, der wir die Country Music zu verdanken haben, des „Poor White Trash“. Und wenn in Verbindung mit Country Festivals und Country Nächten vom „gemeinsamen Zelebrieren der Musik des Wilden Westens“ gesprochen und geschrieben wird, dann ist dies schlicht und ergreifend falsch und ein Zeichen von Unwissenheit.

Aufklärung über den „Mythos vom Wilden Westen“ erhofft man sich nun von einer Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt/M., die noch bis zum 7.Januar 2007 zu sehen sein wird. Unter dem Motto „I like America – Fiktionen des Wilden Westens“ werden Gemälde, Fotos, Zeichnungen und Filme gezeigt, die sich mit den Legenden und dem Mythos von Indianern und Cowboys auseinandersetzen. Ausserdem geht es in der Ausstellung um die Western-Filme und die wissenschaftlich aufbereitete Geschichte des Völkermords an der Urbevölkerung Amerikas. (Info: www.schirn-kunsthalle.de)

Walter Fuchs