The John Cowan Band „New Tattoo“
Pinecastle PRC 1152

Carla’s Got A New Tattoo/Love’s Like Rain/Misery & Happiness/Hurting Sure/In Bristol Town/Red Birds In A Joshua Tree/Working In The New Mine/Back To Your Arms/With A Memory Like Mine/Tomorrow Morning/Drown

Es existiert im Bereich der Country Music wohl kaum ein Stil, dessen Entstehung und Entwicklung so exakt und transparent beschrieben werden kann wie im Falle der Bluegrass Music. Bill Monroe hatte auf der Basis der alten Stringband Music den Bluegrass Stil in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt und die Standardbesetzung mit Fiddle, Banjo, Mandoline, Gitarre und Bass im wesentlichen bis zu seinem Tod nicht mehr geändert, wenn man von ein paar späteren, kleinen Experimenten mit Twin- und Triple-Fiddles einmal absieht. Doch schon seine Konkurrenten wie Lester Flatt & Earl Scruggs, Reno & Smiley oder die Osborne Brothers laborierten in den 50er Jahren mit zusätzlichen Instrumenten wie Dobro, Snare Drum, Steel Guitar und Schlagzeug. Dann folgten in den späten 50er Jahren die Country Gentlemen mit ihrem sanften Satzgesang, „High Lonesome“ war nicht mehr angesagt, die Fiddle spielte bei den „Gents“ keine Rolle mehr, die Dobro Gitarre wurde dominant und die „Blue Notes“ tauchten auch nicht mehr so oft auf wie bei Bill Monroe. Mit den Country Gentlemen, spätestens jedoch mit der Gruppe Seldom Scene, wurde für die Musik der jüngeren, progressiven Bluegrass Bands eine neue Bezeichnung gefunden: „Newgrass“, ja, und eine Band in den 70er Jahren nannte ihre Musik sogar mal „Sweetgrass“. Mit dem Gitarristen Tony Rice und seinen elektronischen Klangverflechtungen tauchte sogar einmal der Terminus „Spacegrass“ auf. Mit dem chromatischen Banjo, dem Psychedelic Sound und schliesslich der Gruppe New Grass Revival entfernten sich die futuristischen Musiker immer mehr vom ursprünglichen Bluegrass Sound. Neue Bezeichnungen wie Neo-Bluegrass oder Cybergrass tauchten auf, meist waren es Begriffe, die auf eine ganz bestimmte Band zugeschnitten waren und keine breite Basis fanden. Dennoch, das Experimentieren geht weiter und mit dem blonden Sänger und Bassisten John Cowen und seiner Band kommt man in Versuchung, eine weitere Bezeichnung einzuführen, nämlich „Rockgrass“. John Cowen, einst Bassist bei New Grass Revival, verfolgt seit einigen Jahren schon seine eigene Karriere mit einer Mischung aus Bluegrass, Folk und einem gerüttelt Mass an Rockeinflüssen. Das Bluesfeeling ist fast immer präsent, das vokale Geschehen klingt häufig nach kehligem Rockgesang und das Klangbild wird in manchen Passagen etwas verfremdet, nicht zuletzt durch Keyboards und Elektrogitarre. Die Band selbst pflegt eine klassische Bluegrassbesetzung mit Gitarre, Banjo, Fiddle, Mandoline und eben John Cowan am Bass. Die Gäste dagegen steuern die etwas artfremden Instrumente bei wie Piano, Cello, Bass- Harmonika, Keyboards, Percussionsinstrumente und Elektrogitarre bei. Jedenfalls nicht unbedingt eine Musik für Bluegrass Puristen, aber dennoch immer noch ein Teil des Bluegrass-Spektrums. Ob sich eine breitere Basis für diese durchaus interessante, experimentelle Musik findet, bleibt abzuwarten.

Walter Fuchs