Roland Heinrich „Einsam Und Ausgebremst“
Bear Family BCD 16733

Warten auf den Zug/ Mondschein und Wein/ Ben Dewberrys letzte Fahrt/ Treib mir die Trübsal aus/ Betrübter Jodler #3/ Und jetzt ist er im Knast/ Ein Traum unerreicht/ In ferne Länder zieh’n/ Das Land meines Kindheitstraums/ Ich such’ mir eine neue Frau/ Frankie und Jenny/ Wann immer du willst/ Betrübter Jodler #6/ Ich vermiss’ den Mississippi und dich

Wer fast 30 Jahre lang mit dem Elend deutschsprachiger Country Songs konfrontiert wurde, der ist bei Musik aus dieser speziellen Abteilung vorsichtig geworden, auch dann, wenn sie nicht von der Interessengemeinschaft deutscher Kuhhirten stammt. Dennoch, es gab auch immer wieder mal gewisse Sternstunden.

Gerne erinnert man sich an die bayerische Bluegrass Band „Chambergrass“, die es verstanden hat so grossartige, intelligente Songs von John Prine wie „Please Don’t Bury Me“ oder „Donald and Lydia“ in den urigen bayerischen Dialekt zu übertragen. Bei Chambergrass hiessen die Titel dann „Grobts Mi Ned Ei“ und „Werner und Hilde“. Auch Eigenkompositionen wurden abgeliefert wie „Der oide Kramerlodn“, „Schnacklmessa“ oder „I hör des Gras wachsn, I hör des Bluegrass wachsn überall“. Doch die Gruppe hat sich schon vor vielen Jahren aufgelöst und ein Comeback ist nicht in Sicht.

Dafür ist 2005 ein deutscher Sänger aus dem Ruhrgebiet ins Rampenlicht gerückt, der äusserst originell und überzeugend eine Reihe von Jimmie Rodgers Songs ins Deutsche übertragen hat und mit seiner näselnden Alltagssprache auch den letzten Skeptiker zu überzeugen versteht. So und nicht anders muss Country Music in deutscher Sprache klingen, kein Schriftdeutsch, kein gestelztes Hochdeutsch und keine pathetische Theatersprache. Roland Heinrich, so heisst dieser in Deutschland reinkarnierte Jimmie Rodgers, eine Art Lichtgestalt der deutschsprachigen Country Szene und Rodgers’ „Blue Yodels“, die heissen bei ihm „Betrübte Jodler“. Auf diese Idee muss man auch erst mal kommen.

Richard Weize, der Chef von Bear Family Records, war auf den charismatischen Sänger aufmerksam geworden, seine „Blue Yodels“ gefielen im und schon war die Sache perfekt: „Übertrag mir 14 Rodgers Songs ins Deutsche und bring ein paar Musiker mit, die es verstehen den Sound jener Hawaiian-, Dixieland- und Jugbands der späten 20er und frühen 30er Jahre, mit denen sich Rodgers so gerne umgeben hat, zu produzieren. Dann machen wir zusammen ein Album.“ Für Roland Heinrich war das kein Problem, zumal er sich intensiv mit dem Leben und der Musik von Jimmie Rodgers beschäftigt hatte. Rodgers war ja bekanntlich der erste erfolgreiche Country Star, der erste anerkannte weisse Bluessänger, der mit seinem „Blue Yodel No.1“, einem echten 12-Takter mit angehängten 4 Jodeltakten, einen der ersten Millionseller der Country Music schaffte. 2005 kam das Album auf den Markt und traf zunächst auf ein völlig unvorbereitetes Publikum. „Der jodelt ja wie ein Tiroler“ vernahm man aus den Zuhörerreihen. Was für ein Schwachsinn. Zwischen einem alpenländischen Jodler und den „Blue Yodels“ liegen Welten. Doch inzwischen hat sich die Qualität von Roland Heinrich herumgesprochen und so konnte er für das 5. Internationale Bühler Bluegrass Festival 2007 gewonnen werden zusammen mit seiner Band, jenen Musikern, die auch bei der CD-Produktion mit dabei waren, also Hawaiian Steel Guitar, Singing Saw, Ukulele, Tuba etc.

Lassen wir an dieser Stelle Roland Heinrich noch selbst zu Wort kommen und sein Verhältnis zu Jimmie Rodgers, dem „Vater der Country Music“ kurz erläutern: „Jimmie Rodgers hatte als Zeuge der Weltwirtschaftskrise eine sentimentale Seite. Er sang viel von Träumen und der Vergangenheit. Trotzdem schaute Rodgers immer nach vorne. Sein Traum verlieh ihm riesige Kraft. Diese half ihm berühmt zu werden und sich nie zu beschweren, was immer das Leben für ihn an Hürden bereit hielt: Tuberkulose, durch sie verursachte Alkohol- und Morphiumprobleme und finanzielle Engpässe, um nur einige zu nennen. Auch 70 Jahre nach ihrer Entstehung versprühen seine Aufnahmen eine positive Energie. Das macht Jimmie Rodgers zu einem Vorbild.



Insofern: All aboard!
Walter Fuchs