BLUEGRASS EUROPE

Interview mit Walter Fuchs



  • Frage: Am 29. April 2006 steigt in Bühl, Deutschland bereits zum vierten Male das International Bluegrass Festival. Wer steckt dahinter und wie seid ihr auf die Idee gekommen?

  • Antwort: Nun, hinter diesem so erfolgreichen Bluegrass Festival steckt das Kulturamt von Bühl, d.h. die Stadt Bühl. Auf die Idee kam im Jahre 2002 der Kulturamtsleiter Hans Störk, der seit einigen Jahren beobachtet hatte, dass immer dann, wenn im Bühler Schüttekeller, einer Kleinkunstbühne, Bluegrass geboten wurde, der Keller voll besetzt war. Gleichzeitig erinnerte man sich daran, dass ich als Country Music Experte ja in Bühl wohne und damit die Gelegenheit günstig war, mal etwas in grösserem Rahmen im Bühler Bürgerhaus Neuer Markt zu probieren. Wir, das waren Hans Störk, Rüdiger Schmitt (Vorsitzender des Kleinkunstvereins Schüttekeller e.V.) und ich, setzten uns zusammen und planten das erste Internationale Bühler Bluegrass Festival für 2003. Rüdiger Schmitt und ich übernahmen die Planung und die künstlerische Leitung und die Stadtverwaltung Bühl als Veranstalter stellte die Infrastruktur und übernahm natürlich die finanzielle Verantwortung. Sicherlich war dies für das erste Mal mit einem Risiko verbunden, aber mit 480 verkauften Tickets war man durchaus zufrieden und der Oberbürgermeister von Bühl, Hans Striebel, verkündete bereits während des Festivals, wir machen im Jahre 2004 weiter. Und mit etwa 650 verkauften Tickets war das Festival von da an jeweils nahezu ausverkauft.


  • Frage: Wie erklärt ihr euch den beachtlichen Publikumserfolg?

  • Antwort: Ja, da waren wir allerdings in einer recht komfortablen Situation. Das bekannte Güglinger Bluegrass Festival unter der bewährten Leitung von Karl Heinz Siber und Anneli Baumann, hatte 16 Jahre lang im Südwesten von Deutschland gute Vorarbeit geleistet, dann war es 2001 zum letzten Mal über die Bühne gegangen, nachdem es zu organisatorischen Problemen gekommen war. Ja, und auf dieser guten Basis konnte man in Bühl 2003 weiterarbeiten. Karl Heinz und Anneli gehören inzwischen zu den ganz wichtigen Beratern und Mitarbeitern des Festivals. Doch dies allein hätte den Erfolg noch nicht garantiert. Wir haben alle erdenklichen Multiplikatoren eingeschaltet: Hörfunk, Fachpublikationen, Tageszeitungen, Internet-Homepages, email-Informationen, Handzettel und sogar persönliche Briefe an Fans ohne Internetzugang. Dazu kommt, dass wir von Anfang an bestrebt waren, nur attraktive Spitzenbands zu engagieren und dies hat sich inzwischen offensichtlich auch herumgesprochen und ausgezahlt.


  • Frage: Welche Rolle spielen Sponsoren resp. die Stadt Bühl?

  • Antwort: Sponsoren spielen meines Wissens keine Rolle. Die Stadt Bühl hat von Anfang an das finanzielle Risiko getragen, ein Risiko, das nicht sehr gross war, wie man inzwischen weiss. Der Oberbürgermeister und das gesamte Kulturamt vertrauen den künstlerischen Organisatoren und damit kann man auch längerfristig planen, wir beschäftigen uns jetzt schon sehr intensiv mit dem Festival von 2007.


  • Frage: Nach welchen Kriterien werden die Bands ausgesucht?

  • Antwort: Wir streben künstlerische Spitzenleistungen an, das soll aber nicht heisssen, dass in Bühl nur renommierte, berühmte Namen zum Zuge kommen, nein, auch talentierte, aussergewöhnliche Newcomer haben eine Chance. Auch der stilistische Rahmen kann einmal gesprengt werden. So hat es sich in der Vergangenheit gezeigt, dass bei einem Bluegrass Festival durchaus auch einmal eine Old Time String Band oder eine Acoustic Country Formation vom Publikum als wohltuend empfunden wird. Oberstes Gebot dabei: Die Bands müssen akustisch spielen, sie sollten „Naturmusik“ abliefern. Einzige Ausnahmen, die wir gelten lassen: ein elektrischer Bass oder auch mal eine Lap-Steel, aber dies wären dann auch die einzigen Konzessionen. Angestrebt werden jeweils zwei U.S.Bands und zwei Bands aus dem europäischen Raum, mehr als 4 Bands würden den zeitlichen Rahmen des eintägigen Festivals sprengen.


  • Frage: Weshalb ist Bluegrass in Deutschland nicht populärer?

  • Antwort: Ganz einfach, Bluegrass Music wird von den elektronischen Medien Hörfunk und Fernsehen in Deutschland boykottiert. Nur ganz wenige kleine private Sender beschäftigen sich manchmal damit, doch diese bewirken leider wenig, denn sie haben nicht die publikumswirksame Durchschlagskraft der öffentlich-rechtlichen oder der grossen privaten Sender. Aber auch in den Printmedien liest man selten einmal etwas über Bluegrass Music und nach dem internationalen Erfolg des Kultfilms „O Brother, Where Art Thou“ im Jahre 2000 hätte man durchaus auch in Deutschland etwas mehr Resonanz erwarten können. Dabei ist das Publikumspotential für Bluegrass Music durchaus vorhanden. Wer einmal erlebt hat wie positiv die Menschen auf diese Musik reagieren, wenn sie durch Zufall auf öffentlichen Plätzen oder in Hotellobbies mit ihr konfrontiert werden, der kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Man muss die Menschen sozusagen durch die Hintertür an diese Musik bringen, denn wer kennt schon hierzulande den Terminus „Bluegrass“? Hier hat Bühl mit seinen Bluegrass-Aktivitäten in Hotels, in Szene-Kneipen, im Schütte-Keller und mit dem Internationalen Bluegrass Festival tatsächlich Pionierarbeit geleistet, denn inzwischen zählen zu den Freunden der Bluegrass Music Ärzte, Diplom-Ingenieure, Professoren, Musikpädagogen und Geschäftsleute, aber auch Handwerker, Verkäuferinnen und LKW-Fahrer gehören zum Stammpublikum, kurzum, mit Bluegrass Music kann man alle Gesellschaftsschichten erreichen. Unser Publikum kommt zum Bluegrass Festival, aber auch zu den Veranstaltungen im Schüttekeller, aus ganz Deutschland (Köln, Berlin, Dresden, Hamburg), aber auch aus der Schweiz, aus dem Elsass, aus Holland und sogar aus Saudi Arabien.


  • Frage: Du bist mehrfacher Buchautor zum Thema "Country Music". Wie siehst du heute das Verhältnis von Country und Bluegrass?

  • Antwort:Die Fragestellung stimmt für mich nicht. Bluegrass ist ja ein Stil der Country Music, auch wenn man das heute in Bluegrasskreisen vielfach anders sieht. Ich hatte nie ein Problem damit und sah auch nie einen Gegensatz zwischen diesen Begriffen. Ich habe ab 1949 über AFN bewusst Country Music wahrgenommen und da wurde alles in einem Country-Music-Programm gespielt, Bluegrass zusammen mit dem Rest des Country Music Spektrums. Musikwissenschaftlich ist Bluegrass Music ja nun eindeutig ein Stil der Country Music genau so wie Western Swing oder Cajun Music. Country Music ist der Oberbegriff für all diese Stile und Spielarten und dazu gehört zwangsläufig auch die grosse kommerzielle „Mainstream Country Music“ wie wir sie aus den Hitparaden kennen. Und da es für diese Mainstream Musik keine exakte stilistische Definition wie etwa bei Bluegrass gibt, bot es sich an, im Gegensatz zu den gut zu definierenden Stilen diesen Mainstream einfach als Country zu bezeichnen. Der Begriff „Country“ hatte demnach plötzlich zwei Bedeutungen: einmal bezeichnet man damit die gesamte ländliche, volkstümliche Musik der USA mit allen ihren Stilen, zum anderen wird von den Bluegrass Freunden alles was nicht nach Bluegrass klingt als Country bezeichnet, Bluegrass wird also als eine eigenständige Musik vom Rest der Country Music ausgegrenzt. Trotz allen persönlichen stilistischen Präferenzen ist und bleibt Country Music, genau so wie es beim Jazz der Fall ist, ein Begriff für eine in den USA enstandene Musik mit zahlreichen Stilen. Erinnern wir uns, der angebliche und durchaus künstlich hochstilisierte Gegensatz von Country und Bluegrass wurde ja erst vor etwa 25 oder 30 Jahren aufgebaut, nachdem die Country Music Association (CMA) die Bluegrass Music geschäftlich vor die Tür gesetzt hatte. Jim und Jesse McReynolds wie auch Bill Monroe und viele andere haben dies in Interviews immer wieder bedauert. Die Bluegrass Szene war dadurch gezwungen, ihre eigenen Organisationen aufzubauen. Umso erfreulicher, dass es gerade in Nashville neuerdings wieder zu einer Annäherung zwischen CMA und der IBMA kommt. Deshalb sollte man sich auch hier in Europa nicht mit künstlich aufgebauten Barrieren zwischen Country und Bluegrass befassen, mit Barrieren, die ja nicht künstlerischer und musikhistorischer, sondern kommerzieller und organisatorischer Art sind. Allerdings kann man speziell in Deutschland besser mit dem Begriff „Bluegrass“ arbeiten, da er im Gegensatz zu „Country“ nicht negativ besetzt ist. Mit „Bluegrass“ fängt man vorurteilsfrei bei Null an. Mit „Country“ dagegen kämpft man gegen die Klischees von Cowboys, Lagerfeuern und der heilen Welt.


  • Auf welches Programm resp. Rahmenprogramm dürfen wir uns am 29. April 2006 freuen?

  • Antwort: Ich bin überzeugt, wir präsentieren auch beim 4. Internationalen Bühler Bluegrass Festival wieder ein attraktives Programm, bei dem jeder Besucher zufrieden sein wird. Aus Deutschland kommt die badisch-pfälzisch-bayerische Gruppe „Night Run“, die wir vor wenigen Jahren bei einem Konzert in Karlsruhe entdeckt hatten und die bereits im Schüttekeller wie auch beim Bühler Zwetschgenfest vom Publikum stürmisch gefeiert wurde. Diese Band bietet moderne Bluegrass Music mit elegantem Satzgesang. Ihre Spezialität sind a-cappella-Gospelsongs. Aus Italien, aus Genua, wird die Gruppe „Red Wine“ mit dabei sein, die ausser Bluegrass auch wunderschönen akustischen Swing präsentieren wird, teilweise auch italienisch gesungen. Aus den USA kommt Chris Jones & The Night Drivers mit traditioneller Bluegrass Music und im Gegensatz zu Bill Monroe’s „High Lonesome Sound“ bietet Chris Jones seinen „Low Lonesome Sound“. Ebenfalls aus den USA kommt Valerie Smith & Liberty Pike nicht nur mit moderner Bluegrass Music sondern auch mit einem guten Schuss „Acoustic Country“ gewürzt. Valerie Smith wird dabei ihr neues Album vorstellen und wird mit ihrer Band bereits am Vormittag ab 10.30 Uhr auf einer Bühne in der Fussgängerzone von Bühl, am Johannesplatz, das Publikum unterhalten. Und auch ein weiterer Programmpunkt, der sich im vergangenen Jahr bereits bewährt hat, wird beibehalten: Wer ein Instrument mitbringt, kann sich mit Gleichgesinnten in den Foyers des Bürgerhauses zu zwanglosen Jam-Sessions zusammenfinden. Ich glaube, damit bietet Bühl wieder einmal mehr ein abwechslungsreiches Programm für alle Freunde der Bluegrass Music.