Bluegrass Music

Wer in Europa, vor allem in Deutschland, mit Bluegrass Music zu tun hat, der sollte, wann immer es geht, in diesem Zusammenhang den Terminus „Country“ oder „Country Music“ vermeiden. „Country“, so weiss der leidgeprüfte Liebhaber dieser Musik, ist hierzulande zu sehr mit Klischees und Vorurteilen behaftet, die kaum mehr auszurotten sind, mit anderen Worten: „Country“ ist negativ besetzt. Bei Bluegrass dagegen kann man sozusagen bei Null beginnen, es gibt keine Vorurteile und wenn man erst einmal einen Menschen mit Bluegrass Music konfrontiert hat, vielleicht sogar durch Zufall, dann kann man in 90% aller Fälle sicher sein, dass er diese Musik mag oder sie zumindest nicht ablehnt. Diese Trennung der Begriffe „Country“ und „Bluegrass“ mag nun werbepolitisch vor allem für Veranstalter relevant sein, ja, sie wird sogar schon seit vielen Jahren von den Anhängern der Bluegrass Music praktiziert, seit die Country Music Association (CMA), die sogenannte „Handelskammer der Country Music“, die Bluegrass Music sozusagen vor die Tür gesetzt hat. Bluegrass war für die CMA vor etwa 25 Jahren offensichtlich nicht mehr gewinnbringend gewesen. Dass darüber Musiker wie Bill Monroe oder Jim & Jesse gekränkt waren, hat niemanden gestört. Ja, Jesse McReynolds hat einmal in einem Interview in Frankfurt/M. mit Tränen in den Augen erklärt: „Jetzt haben sie uns rausgeschmissen.“ Mit „sie“ war die CMA gemeint. Dass es jetzt, nach Jahrzehnten der geschäftlichen Trennung, in Nashville wieder zu einer Annäherung zwischen „Country“ und „Bluegrass“ kommt, mag erfreulich sein, Tatsache bleibt, dass musikgeschichtlich die Bluegrass Music immer zur Country Music gehört hat. Sie ist genau so wie die Cajun Music oder der Western Swing ein Stil der Country Music und wird es immer bleiben, ob es den Separatisten nun passt oder nicht.

So wahnwitzig es von Jelly Roll Morton war zu behaupten „Ich erfand den Jazz im Jahre 1902“, so falsch wäre es anzunehmen, Bill Monroe habe den Bluegrass Stil zu irgendeiner Zeit erfunden. In der Kunst wird nichts erfunden, da wird entwickelt, manchmal über längere Zeiträume hinweg und plötzlich ist etwas existent, mit dem man vorher vielleicht überhaupt nicht gerechnet hatte.

Bill Monroes Karriere, Bill Monroe gilt ja als der “Vater der Bluegrass Music”, hatte zusammen mit seinem Bruder Charlie als “The Monroe Brothers” 1936 begonnen. Das Duo „The Monroe Brothers“ praktizierte Old-Time-Music und gehörte neben den “Blue Sky Boys” mit zu den populärsten Gesangs- Duos der 30er Jahre. Bill Monroe spielte die Mandoline, in seltenen Fällen auch mal Gitarre, während sich Bruder Charlie ganz auf die Gitarre konzentrierte. 1938 trennten sich die Monroe Brothers, und während Charlie mit einer Old-Time-Stringband weiterhin der Tradition die Treue hielt, begann Bill Monroe mit seinen „Kentuckians“ bezw. später mit seinen „Blue Grass Boys“ heftig zu experimentieren. Die Aufnahmen von 1940 und 1941 für RCA und auch später ab Februar 1945 für Columbia beweisen Monroes Sturm- und Drangzeit. Zeitweise hatte er sogar einen Jug und ein Akkordeon besetzt, das 5-String-Banjo wurde noch im Clawhammer-Stil gespielt. Manchmal klang seine Musik sogar mehr nach Jazz, ja, es wurde streckenweise richtig geswingt. Vor allem aber war Bill Monroe bestrebt gewesen, seine Musiker auch jazzmässig improvisieren zu lassen, jeder seiner Mitstreiter musste dazu in der Lage sein, jeder musste solistisch tätig werden können. Die Fiddle hatte demnach ihre in der alten Stringband-Music dominierende Position als Solo-Melodie-Instrument verloren. Doch erst am 16.September 1946 war es soweit. Bill Monroe kam zu einer zweiten Aufnahmesession für Columbia Records in die Castle Studios von Nashville/Tennessee in genau jener Besetzung, die auch heute noch als die klassische Bluegrass-Besetzung zu gelten hat: Fiddle, Mandoline, Gitarre, 5-String-Banjo (gespielt im 3-Finger-Picking-Stil) und Kontrabass. Die personelle Besetzung jener Session war: Bill Monroe (Mandoline), Lester Flatt (Gitarre), Chubby Wise (Fiddle), Earl Scruggs (5-String-Banjo) und Howard Watts (Bass). Wer heute in diese alten Aufnahmen reinhört, der stellt natürlich noch da und dort einen Old-Time-Touch fest, doch in einigen Stücken wird vor allem durch das Banjo von Earl Scruggs ein typischer Bluegrass-Sound hörbar. Nur, das Ganze hatte ja damals noch keinen Namen. Erst die amerikanischen Radio-D.J.s gaben der Musik im Laufe der Zeit ihren Namen, wenn sie Bill Monroe & his Bluegrass Boys ansagten und hinzufügten:....with some Bluegrass Music. Das war’s!

Markante Kennzeichen dieser „Bluegrass Music“: sie wird unplugged gespielt, das 5-String-Banjo wird im 3-Finger-Picking-Stil gezupft, der Gesang besticht durch eine hohe, scharfe Stimme, es wird jazzmässig improvisiert und der Sound wird unterstützt durch einen harten Drive. So jedenfalls die Definition von Bill Monroe, der man noch hinzufügen sollte, dass für Monroe erstaunlicherweise das wichtigste Instrument in einer Bluegrass Band nicht das Banjo sondern die Fiddle war.

Jedenfalls hatte Bill Monroe mit seiner Bluegrass Music grossen Erfolg. Doch die Konkurrenz meldete sich früher als dem Maestro lieb war. Zahlreiche Virtuosen, die in den ersten Jahren durch die harte Schule von Bill Monroe gegangen waren und sich wieder von ihm getrennt hatten, gründeten eigene Bands. Das war Bill Monroe natürlich nicht angenehm und als seine Plattenfirma Columbia auch die Stanley Brothers unter Vertrag nahm, da wechselte Bill zu Decca, der späteren MCA. Selbst Lester Flatt und Earl Scruggs, die bei der Geburt der Bluegrass Music mit dabei waren, hatten sich wenige Jahre danach selbständig gemacht und ihre eigene Band gegründet. Die neuen Bluegrass Bands waren damals, Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die wichtigen Bands der frühen Jahre hiessen: Lester Flatt and Earl Scruggs and the Foggy Mountain Boys, Don Reno and Red Smiley and the Tennessee Cut-Ups, The Stanley Brothers and the Clinch Mountain Boys, Jim and Jesse and the Virginia Boys, Bill Clifton and the Dixie Mountain Boys und die Osborne Brothers Und während Bill Monroe, nachdem er seinen Sound gefunden hatte kaum noch experimentierte, waren die konkurrierenden Bands experimetierfreudiger und ideenreicher. Don Reno zum Beispiel spielte sein Banjo oft in einem Stilmix aus 3-Finger-Picking-Stil und Plektrum-Stil der alten Ragtime-Banjo-Spieler, Lester Flatt und Earl Scruggs nahmen einen Dobro-Spieler in die Band und die Osborne Brothers hatten plötzlich eine Steel-Guitar und sogar ein Schlagzeug besetzt. Der Gesang bewegte sich vielfach in tieferen Lagen. Ganz revolutionär waren die Country Gentlemen. Sie verzichteten meist auf eine Fiddle, dafür war umso öfter eine Resonator-Gitarre besetzt und der Gesang ihres wichtigsten Sängers, Charlie Waller, lehnte sich an den Stil eines Hank Snow an. Zugegeben, die Steel Guitar und das Schlagzeug sind längst wieder aus der Bluegrass Szene verschwunden, es waren Stilbrüche, doch die Resonator-Gitarre hat sich ihren festen Platz in den modernen Bluegrass Bands erobert. Und spätestens ab Anfang der 60er Jahre hatte die Bluegrass Music viel von ihrer einstigen Schärfe und Härte verloren zugunsten eines geschmeidigeren Sounds, der im Wesentlichen auf die Resonator-Gitarre und den meist 3-stimmigen Satzgesang zurückgeführt werden konnte. Die Stimmen bewegten sich immer seltener in jenem „high lonesome sound“ der vor allem von Bill Monroe’s „high pitched voice“ repräsentiert, aber auch von den Osborne Brothers und Don Reno & Red Smiley gepflegt wurde. Dass diese Art zu singen für die Country Radio Moderatoren in Deutschland manchmal zum Problem wurde, kann leicht nachempfunden werden, Monroe’s Musik war in den frühen Jahren einfach nicht „radiofreundlich“.

Dies alles hatte sich bereits in den 60er Jahren geändert. Bluegrass Bands waren in New York City und auch bei den Newport Folk Festivals aufgetreten, waren von den urbanen Folk-Freaks akzeptiert worden als das “Echte” und im Gegenzug hatten Bands wie Lester Flatt & Earl Scruggs die Songs der Folk-Song-Repräsentanten, wie etwa die von Bob Dylan, in ihr Repertoire aufgenommen. Es war damals eine sehr friedliche und fruchtbare Koexistenz zwischen den ländlichen und den urbanen Musikern. Ja, es entstanden in New York sogar Old- Time- und Bluegrass Bands, wie z.B. die New Lost City Ramblers oder die Greenbriar Boys. Bluegrass Music hatte die Jugend der damaligen Zeit erreicht. In und um Washington D.C. gab es eine lebhafte Bluegrass Szene, allen voran die Country Gentlemen, die man oft im „Red Fox Inn“ in Bethesda in der Nähe von Washington erleben konnte, dazu kamen Bands wie „The Seldom Scene“ oder „The II. Generation“, die so progressiv spielten, dass man dieser Musik auch den Namen „New Grass“ gab.

Mit den Dillards, einer der damals progressivsten Bluegrass Bands, drang dann auch ein hauch von Country-Realismus in den großstädtischen Rock der 60er Jahre ein. Durch die Dillards, Doug und Rodney Dillard, wurden zahlreiche Bands wie die Byrds, die Flying Burrito Brothers, Poco oder später die Eagles zur Verbindung ihrer Rock-Rhythmen mit Bluegrass-Klängen angeregt. Damit hatte man die Westküste erobert, nachdem New York bereits fest im Griff war und in der berühmten Carnegie Hall auch Bluegrass Konzerte abgehalten wurden.

Ab Mitte der 70er Jahre erhielt die Bluegrass Szene dann ein paar Impulse, die ihre Entwicklung forcieren sollten. Neben den Bluegrass Akteuren der ersten und zweiten Generation tauchten extrem progressive Musiker auf wie zum Beispiel die Banjo-Virtuosen Bill Keith, Tony Trischka oder Bela Fleck, die mit ihrer zum Teil chromatischen Spielweise für viel Diskussion sorgten und wenn ein Bill Keith seinen 3-Finger-Picking-Stil kombinierte mit dem Plektrum-Stil der frühen Salon-Banjo-Virtuosen, dann hatte sich der Kreis wieder geschlossen.

Doch was fehlte der Szene noch? Es waren die Frauen. Bluegrass-Damen waren nur ganz selten in den Bands aufgetaucht und als die Country-Sängerin Rose Maddox 1962 ein Bluegrass-Album einspielte, so war dies noch eine echte Sensation. Dann eroberte Emmylou Harris ab Mitte der 70er Jahre mit ihren astreinen Country-Produktionen die Welt der Pop- und Rock-Musik und als sie schliesslich 1979 ihr Bluegrass-Album „Roses In The Snow“ präsentierte, da war dies, vor allem auch international gesehen, ein wichtiger Schritt nach vorne. Emmylou Harris hatte damals so wichtige und anerkannte Musiker um sich geschart wie Ricky Skaggs, Tony Rice, Albert Lee, Dolly Parton und Jerry Douglas. Und was damals mit der Harris sozusagen als Eintagsfliege begonnen hatte, das sollte wenige Jahre später zum Trend werden, dessen Entwicklung auch heute noch nicht abzusehen ist. Plötzlich tauchten ab Mitte der 80er Jahre verstärkt Frauen in der Bluegrass-Szene auf, allen voran Laurie Lewis. Dann, ab Ende der 80er und vor allem in den 90er Jahren, hatten die Damen die bisherige Männerdomäne „Bluegrass“ erobert, an der Spitze dieser Bewegung standen Rhonda Vincent, Kathy Chiavola, Claire Lynch, Lynn Morris, Kathy Kallick, Sally van Meter, Valerie Smith, Alison Krauss und schliesslich auch die Dixie Chicks. Dolly Parton entdeckte ihre alte Liebe zur Bluegrass Music und hatte rasch in Norah Jones eine würdige Mitstreiterin gefunden. Interessant, dass viele Bluegrass Bands inzwischen auch Swing-Titel und Acoustic Country präsentieren und damit eine interessante Abwechslung in ihr Repertoire bringen, sehr zur Freude des Bluegrass-Publikums.

Dann kam im Jahre 2000 der inzwischen preisgekrönte Kultfilm „O Brother, Where Art Thou“ in die Kinos und seither hat vor allem in den USA ein Bluegrass-Boom eingesetzt. Die Umsätze mit Bluegrass-Tonträgern stiegen rapide und die Bluegrass-Festivals erreichten Rekord-Besucherzahlen. Sogar die Country Music Association in Nashville bemüht sich seit 2004 wieder verstärkt um die Bluegrass-Szene.

Auch international bewegte sich einiges. In Westeuropa konnten sich immer mehr Bluegrass Bands etablieren und was Ende der 60er Jahre in Österreich zaghaft mit den „Bluegrass Specials“ begonnen hatte, ist heute fast nicht mehr zu überblicken. Vor allem die Schweiz, die Niederlande, Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland und auch einige osteuropäische Länder sind heute Hochburgen dieser Musik und Gruppen wie Night Run, Bluegrass Boogiemen, Four Wheel Drive, Turquoise, Nugget, Bluegrass Stuff, Red Wine, Sacred Sounds Of Grass oder Groundspeed sind europäische Formationen, die einen Vergleich mit amerikanischen Spitzenbands nicht zu scheuen brauchen. Vor einem solchen Hintergrund konnte sich inzwischen auch das „Internationale Bühler Bluegrass Festival“ in Bühl/Baden etablieren. Am 29.April 2006 geht dieser jährliche Event zum vierten Mal über die Bühne mit Valerie Smith & Liberty Pike (USA), Chris Jones & The Night Drivers (USA), Red Wine (Italien) und Night Run (Deutschland).

Der Erfolg europäischer und amerikanischer Bluegrass-Bands in Europa und damit auch der Erfolg des meist ausverkauften Bühler Festivals zeigt in aller Deutlichkeit, dass es hierzulande eine real existierende musikalische Nebenwelt abseits der grossen Konzerne und vor allem abseits des deutschen Hörfunks und Fernsehens gibt. Es ist eine Nebenwelt, in der sogar Profimusiker existieren können, aber deren Existenz man, aus welchen Gründen auch immer, nicht wahrnehmen will.

Walter Fuchs