Roger Boss

Das 3. Bluegrass Festival in Bühl

Um 10:30 Uhr kam ich in Bühl an, zur gleich Zeit begann die Gruppe „LOST HIGHWAY“ auf einer kleinen überdachten Bühne auf dem Marktplatz mit ihrem musikalischen Einstimmungskonzert für das diesjährige Bluegrass Festival. Das doch sehr unfreundliche Wetter an diesem Samstagmorgen hielt weder Musiker noch Interessierte davon ab sich der Musik zu widmen. Auch wenn „LOST HIGHWAY“ aus dem doch so sonnigen Californien stammt, tat das der Stimmung auf der Bühne keinen Abbruch. Und diese Stimmung übertrug sich auch auf das Publikum, dass unter seinen Regenschirm geduldig ausharrte. Als dann noch der allseits bekannte John Denver Klassiker „Country Roads“ gespielt wurde, wird sich manch eine(r) überlegt haben, vielleicht doch noch diesen Tag der akustischen Musik zu widmen.

Nachdem ich mich im Hotel eingecheckt hatte, denn die Bühler Nächte können länger sein als die vielbesungenen Kreuzberger, was dann auch wieder zutraf (für was bezahlt man für eine ganze Nacht ein Zimmer, wenn man es dann doch nur drei Stunden nutzt?) und einer kleinen griechischen Stärkung kam ich dann um 13:30 Uhr in das Bürgerhaus am Neuen Markt. Nach der Begrüßung einiger alten Bekannten, wie den Countryfreunden aus Kötz mit den Vorsitzenden Peter Wroblewski und Friedrich Hog, dem Ulmer Ausnahmetalent Mandy Stroebel und seiner Frau Elsy, Marianne Fuchs, dem Bluegrass Fachmann Eberhard Finke mit seiner Frau Monika, Frank Rickal von Radio Ostallgäu, wie auch dem schwäbischen Countryfachmann Hauke Strübing nebst Gattin Monika, begab ich mich zu Klaus Grotelüschen (man kann sich gar nicht vorstellen, dass Klaus dieses Jahr schon das 40. Pfingstfestival in Neusüdende ausrichtet, so jugendlich wie der daherkommt) und seinem CD Stand, der hier natürlich sehr Bluegrasslastig war.

Des Weiteren gab es noch einen Stand vom HEEL VERLAG, an dem die neue „Bibel für Countryfans“, „DAS NEUE GROSSE BUCH DER COUNTRY MUSIC“ von Walter Fuchs verkauft wurde. Natürlich konnte man sich das Buch an diesem Abend auch gleich signieren lassen denn; pünktlich um 14:00 Uhr eröffnete der Moderator und Mitinitiator Walter Fuchs das 3. Bühler Bluegrass Festival. Nach seiner kurzweiligen Begrüßung der Anwesenden und diverser Ehrengäste begann die österreichische Gruppe „NUGGET“ aus Wien das musikalische Programm. Die Band, Anfang 1976 von den Brüdern Helmut und Werner Mitteregger und Wolfgang Motzko gegründet verschrieb sich schon zu dieser Zeit dem Bluegrass, als diese Musikrichtung dem gemeinen Volk noch gänzlich unbekannt war. Nach mehreren Musikerwechsel und dem Ausstieg von Werner Mitteregger, bildete sich langsam ein harter Kern um Helmut Mitteregger, Mandoline, der sich zusammensetzt aus seiner Frau Katarina am Bass und den aus Prag stammenden Jakub Racek an der Gitarre und Jarda Jahoda am Banjo. Die Band, die sich stilistisch in einem sehr breiten Spektrum bewegt, wurde 2003 zur besten Bluegrassband Europas gekürt und vertrat dann das „alte“ Europa im Herbst 2004 beim alljährlichen Meeting der International Bluegrass Music Association in Louisville/ Kentucky. Begonnen haben die vier mit dem Reno/Smiley Song „You’re No Longer“ und „It Won’t Be Long“ von Arlo Guthrie bis hin zu „Lucky One“ von Alison Krauss. Das Musikalische und Gesangliche wurde teilweise unterbrochen von Helmut Mittereggers Ansagen, die immer mit etwas Selbstironie gespeist wurden. Zitat: “Das nächste Lied singe ich, zum Glück ist der Eintritt so hoch, dass keiner heim geht“ oder „Wenn man den Banjo Spieler in der Bluegrass Band weglassen würde, wäre das keine Musik mehr, sondern Kunst. Und mit Kunst kommt man zu Ruhm und Geld, da wir Wiener aber mit Ruhm und Geld nicht umgehen können, bleiben wir lieber bei dem Banjo und machen Musik anstatt Kunst.“ Es folgen noch unter anderem „If You Only Knew“, „Misery Train“ und „Deep Water“ bevor dieses Set zu Ende geht.

Was jetzt kam war die Überraschung des diesjährigen Festivals. Aus San Francisco kommen „THE CROOKED JADES“ haben sich der Oldtime Music verschrieben, sie selbst bezeichnen sich als Americana Roots Band und wer gemeint hat, es kämen jetzt diese Fehlklänge von den alten Fiddlin’ John Carsons oder Musik a la Darby and Tarlton hat sich getäuscht. Junge Leute, die sich dieser Roots Music verschrieben haben, besitzen teilweise sogar eine klassische Ausbildung, wie Megan Adie, die Bassistin der „CROOKED JADES“. Jeff Kazor , der Gitarrist und Sänger gründete die Gruppe 1994, hatte lange die Vision einer Band, die Musik der 1880er bis 1930er Jahre darbringt, die Musik, die vor dem Kommers des Radios von den Einwanderer und deren Nachfahren gespielt wurde, und die eigentlich die Wurzel war für das, was heute unter Country und Folk verstanden wird. Für das Publikum war das ein kleines bisschen Musikgeschichte Amerikas. Außer den Vorgenannten besteht die momentane Besetzung noch aus Adam Tanner, Fiddle und Mandoline, Erik Pearson, Banjo, Banjo Ukelele (ein Mini Banjo) und Slideguitar und Jennie Benford , Mandoline und Gitarre, dazu kommt noch Kyra Baele, die teilweise mit ihren fast artistischen Tanzeinlagen bei einigen Songs die Band unterstützt. Der Nachmittag wurde von „THE CROOKED JADES“ sehr Traditionell gehalten, mit Liedern wie „Jennie On The Railroad“, „Night Shift Lullaby“ oder „Old Joe“.

„LOST HIGHWAY“, die schon am Morgen aufgetretene Band, wurde Anfang der 70er Jahre ebenso als Oldtime Stringband gegründet, wechselte dann aber zum Bluegrass, löste sich 1982 auf, um sich 1997 wieder zu gründen. Ken Orrick, der Sänger und Gitarrist von „LOST HIGHWAY“ spielt am längsten bei der Band, die sich noch aus Paul Shelasky an der Fiddle, Eric Uglum an der Mandoline, Marshall Andrews am Bass und Richard „Dick“ Brown am Banjo zusammensetzt. Wie schon am Morgen, passend zum Wetter, brachten sie im ersten Set ihr „November Rain“ von der gleichnamigen CD und „Country Roads“, aber auch den Titelsong ihrer CD „ Lifetime Of Sorrow“, von der dann noch „Four Rode By“ und „Jolene And Big Bill“ dargebracht wurden, sowie „Face In The Crowd“ und eine Hommage mit „California“.

Wenn man Jahre mit der Organisation von Konzerten zu tun hat, träumt man manchmal davon einmal auch auf einer Bühne zu stehen, ein Album zu veröffentlichen, und das zu singen, was einem Spaß macht. Alles ganz einfach, man nimmt sich eine bestehende Band, die drei Griffe auf der Gitarre beherrscht, organisiert sich noch einen Geigenspieler, der ein klein wenig im Takt kratzen kann und trällert dann ein paar Liedchen, die irgendwann mal irgendeiner aufgenommen hat und von dem die Platten daheim im Schrank stehen.

Nicht so Cor Sanne, der Macher des Floralia Festivals in Holland. Als Späteinsteiger nahm er nicht irgendeine Band, sondern eine der, wenn nicht sogar die Beste, die auf dem akustischen Markt Hollands zu finden ist und den Besuchern des letztjährigen Festivals noch als „BLUEGRASS BOOGIEMAN“ in guter Erinnerung sind, dazu den Fiddler Joost van Es, auch in Bühl bekannt, nennt sich „GRAND OLE COUNTRY“ und spielt nicht irgendwelche Coversongs, sondern die Songs aus seiner Jugend, die er mit irgendetwas in Verbindung bringt. Von seinem ersten Song, einer Frage an das Publikum ob er weiter machen soll, mit „Right Or Wrong“ hin zu Johnny Cashs „All Over Again“ Und Merle Haggards „The Way It Was In 51“, ein Song, den ich vorher noch nie gehört hatte, ebenso wie Porter Wagoners „Your Old Love Letters“.

In der Pause, die kurz vor 18:00 Uhr begann, konnte man sich von Walter Fuchs dessen neues Buch signieren lassen, sich mit Kleinigkeiten beim Catering der Familie Köhler laben oder man ging ins Erdgeschoss des Bürgerhauses, wo eine Session mit ungefähr 15 Musikern lief.

Das Festival wird immer authentischer mit seinen großen Brüdern auf der anderen Seite des Teichs.

Nach der Pause, 19:00 Uhr, bat der Moderator Walter Fuchs dann den OB der Stadt Bühl Hans Striebel auf die Bühne und dankte ihm für die städtische Unterstützung des Festivals und überreichte ihm sein neues Country Werk. Der OB übernahm dann das Mikrofon, dankte Walter Fuchs und auch Rüdiger Schmitt vom Kleinkunstverein Schüttekeller für ihre Organisation und die gute Musik mit den Worten: „Es ist eine Musik für die ganze Familie, die ins Gemüt geht….es wird noch viele Jahre so weitergehen. Auf Wiedersehen am 29. April 2006.

Dann kam wieder „GRAND OLE COUNTRY“ auf die Bühne und starteten mit dem Chuck Berry Klassiker „Memphis TN“, bevor es dann mit Hank Williams „You Win Again“, „The Best Years Of Your Life“ von Carl Smith und Ernest Tubbs „Walkin’ The Floor Over You“.

Später kam als Zugabe noch das selten gespielte „A Lie To My Heart“ von Hank Williams.

Hauke Strübing sagte mir später: „ Was Cor Sanne da brachte waren Erinnerung an das AFN hören in seiner Jugend. Erinnerungen an eine schöne Musik.

Obwohl Walter Fuchs es deutlich sagte: „Elektrik und Schlagzeug, dieses Teufelszeug kommt nicht auf die Bühne (Beim ersten Einsatzes eines Schlagzeuges in der ehrwürdigen Grand Ole Opry wurde dieses damals hinter den Vorhang verbannt), bei „NUGGET“ war es doch ein E-Bass den Katarina Mitteregger da spielt. Aber das macht der Musik und dem Musik Stil keinen Abbruch. „Cherokee Shuffle“ von Kinky Friedman oder „The Boys Are Back In Town“ von Patty Loveless kamen mit so einer Freude und Leichtigkeit von der Bühne wie „Summerfly“ von Cheryl Wheeler oder „Mr. Sandman von Chet Atkins bzw. Emmylou Harris. Zum Abschluss bedankte sich Helmut Mitteregger nochmals bei Rüdiger Schmitt für den Mut die Gruppe „NUGGET“ zu engagieren, aber der Applaus des Publikums sprach für sich.

Die buckligen Weibsbilder (O-Ton Fuchs) so lautet frei übersetzt „THE CROOKED JADES“ hatten dann auch ihr Problem mit dem Teufelszeug, denn der Bass Verstärker von Nugget stand noch auf der Bühne und musste vor ihrem Auftritt noch entfernt werden. So verschwand er hinter dem Vorhang und die Bühne war frei für die Oldtime-Stringband. Während der erste Teil der „Crooked Jades“ doch sehr Traditionell war, kamen im zweiten Teil mit „Waiting City Shining“ und „Carrier Bird“ auch selbst geschriebene Songs zum Vortrag, die doch dann schon ein bisschen mehr dem Bluegrass zugetan sind. Auch Traditionals die von Jennie Benford, Jeff Kazor oder Adam Tanner arrangiert wurden hatten nicht an der musikalischen Spielfreude zu leiden, auch wenn da manch dramatischer Titel, „Old Cow Died“ oder „Indian War Whoop“ dabei war,. Mit „Gabriel (World’s On Fire) “ ging auch unter riesigem Applaus dieses Set von „THE CROOKED JADES“ zu Ende. Eine wahre Bereicherung diese Band

Zum Abschluss gab es dann nochmals den harmonischen Bluegrass von „LOST HIGHWAY“. Die fünf Jungs hatten trotz des langen Tages nichts an ihrer Spielfreude verloren und verzückten das Publikum noch mit “My Old Kentucky Home“, „Heaven“ und von ihrer letztjährigen CD „Bluegrass the way you like it“ die Songs „I Can’t Go On Loving You“, „Paint The Town“ und „Ghost Stories“.

Zum Finale kamen dann noch mal alle Beteiligten auf die Bühne zu einem vielumjubelten Finale. Aber nicht das damit Schluss war an diesem Morgen. Nein, im Foyer des Bürgerhauses ging die Session, an der sich auch die vorgenannten Künstler teilweise beteiligten bis in die frühen Morgenstunden, oder wie drückt man halb vier Gelinde aus.

Ein wiederum gelungenes Festival, das wieder sehr gut organisiert wurde und musikalisch aus ganz besonderen Leckerbissen bestand. Man kann sich jetzt schon auf 2006 freuen, weil: enttäuscht wird man in Bühl nie!

rb Bilder: Klaus Zimmermann Bühl


Schüttekeller